«I’m gonna be free»
Stimmengewirr und Sirenengeheul, dazwischen Fetzen von Musik: So klingt Neuköllner Lokalkolorit, so klingt der Auftakt eines Theaterabends an der Neuköllner Oper. Dann plötzlich Stille. Eine Geschichte beginnt. Es ist die Geschichte des Zirkus Navara, der in die Stadt kommt und ihre Bewohner für einen Augenblick verzaubert: In Haus 7 fängt ein Stummer an zu singen. Und in Haus 12, wo eine Frau tagein tagaus von ihrem Mann angeschrien wird, verwandelt sich der Aggressor auf einmal in einen Bären.
Und das, obwohl die großen Zeiten des Zirkus eigentlich vorbei seien, wie die Erzählerin berichtet. Aber der Zirkus Navara sei nicht irgendein Zirkus. Er sei ein magischer Zirkus, der, selbst wenn er abbrennt, als unsterblicher Geisterzirkus weiterzieht. All diese kuriosen Behauptungen stützen sich auf nicht mehr als die Worte von Karoline Gable, die mit leeren Händen, aber leuchtenden Augen auf der Bühne steht und mit der Macht des gesprochenen Wortes für die Dauer eines Abends das repariert, was am Irrsinn des Weltgeschehens zerbrochen ist: «Die Zeit ist blind und wir sind es auch.»
Musik gibt es auch, aber spärlich. Piano-Riffs und eingestreute Gesangsphrasen untermalen die zwischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2025
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Anna Schors
GARSINGTON FESTIVAL L’elisir d’amore, Pique Dame, Rodelinda
Manche betrachten es als liebenswerte Marotte, andere halten den Brauch, sich am Nachmittag für den Besuch der beinahe wie Pilze aus dem Boden schießenden Landhausopern der britischen Sommersaison in Schale zu werfen, für einen absurden Anachronismus – noch dazu, wenn man für das Picknick in der langen...
JUBILARE
Am 25. August feiert José van Dam seinen 85. Geburtstag. Der belgische Bass-Bariton zählt zu den prägenden Männerstimmen des 20. Jahrhunderts. Sein Golaud in Debussys «Pelléas et Mélisande», der Hans Sachs (er nahm die «Meistersinger» mit Georg Solti auf) sowie prägnante Interpretationen mehrerer Mozart-Rollen sind beispielhaft. Für seinen Kollegen...
Frau Lanzino, die Bildhauerin Louise Bourgeois vertrat entschieden die Meinung, Kunst handle vom Leben, während ihre Beinahe-Landsfrau, die Publizistin Susan Sontag überzeugt davon war, dass alle Kunst nicht mehr sei als Trompe-l’œil – Illusion, Lüge, Camouflage. Wer hat Recht?
Ich bin ein großer Fan von Susan Sontag, irgendwie halte ich es mehr mit ihr. Deswegen...
