Alles Essig
Mit gutem Willen ließe sich sagen: Es war alles so beabsichtigt. Hier der Sänger des Titelhelden, der sich im sehr lyrischen Bereich bewegt und im Angriffsmodus das Florett bevorzugt. Dort der Regisseur mit dem Willen, dem Stück die Machismen auszutreiben. Don Giovanni ist eine Frau – zumindest zeitweise – und dann wieder von ihr besessen. David Hermann hat seinen da Ponte für die Eröffnungspremiere der Münchner Opernfestspiele genau gelesen.
Die Erwähnung von Pluto, vor allem von Proserpina im Final-Quintett, nimmt er zum Anlass fürs Konzept: Die Gattin des Unterweltherrschers darf einmal pro Jahr von der Hölle Urlaub machen und ans Licht. Dort trifft sie ausgerechnet auf den Don und fährt in ihn hinein. Bei diesem fallen prompt die Testosteronwerte, er bewegt sich effeminiert, einmal sogar in Richtung Masetto: «Là ci darem la mano» findet einen ungewohnten Adressaten.
Hübsch ausgedacht ist dies, sogar virtuos durchgeführt, wenn sich Erica D'Amico als stumme Proserpina aus dem Körper Konstantin Krimmels herauszuwinden scheint. Mit dem Liebeswerben Giovannis ist es plötzlich Essig – bis auf eine Ausnahme: Das Ständchen ist ein freier Moment in jeglicher Hinsicht, auch für Krimmel, ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Markus Thiel
Antonio Caldara gilt schon lange nicht mehr als jener barocke Kleinmeister, als den man ihn lange Zeit klassifiziert hatte. Für seine Zeitgenossen war er einer der bedeu -tendsten Komponisten überhaupt, seine Berufung an den Wiener Kaiserhof Karls VI., an dem er von 1716 bis zu seinem Tod 1736 wirkte, und die enorme Verbreitung seiner Musik in ganz Europa...
Sämtliche Opern von John Adams wurden an der Met bislang auf die Bühne gebracht, nach «Nixon in China»( 2011) ist «Antony and Cleopatra» aber erst die zweite, die der Komponist selbst dirigiert. Ein faszinierender Abend, aber auch bei Adams – ähnlich wie bei Samuel Barber in seiner 1966 uraufgeführten Version des Sujets – bleibt offen, ob Shakespeares Schauspiel...
Für Jewgenij Mrawinski, den ruhmreichen russischen Dirigenten, der seine Symphonien auswendig im Kopf hatte, war er ein «naiver Ritter mit der edlen Seele». Ein Mensch, der vom allgemeinen Glück träumte, Gewalt in jeder ihrer Formen abgrundtief hasste und bereit war, alles dafür zu opfern, um das soziale Übel auszurotten. Ein Idealist also, der in seiner Kunst aber...
