Im Bann des Sexus
Hindemiths Einakter-Triptychon sorgte in den Roaring Twenties für diverse Theater-Skandale, war dem Autor aber selbst bald so peinlich, dass er es aus dem Verkehr zog und schließlich 1958 ganz verbot. Heute findet es – zuletzt in Bonn (siehe OW 11/2012), jetzt in Osnabrück – als Manifest des musikalischen Expressionismus zu Recht Interesse, auch wenn seine Libretti eher verstaubt wirken.
Im ersten, auf einen wirr-verschwitzten Text des Malers Oskar Kokoschka zurückgehenden Stück «Mörder, Hoffnung der Frauen» geht es um den Geschlechterhass, einen Liebestodeskampf, in dem die Frau schließlich der sexuellen Aggressivität des Mannes unterliegt. Der zweite Einakter «Das Nusch-Nuschi», eine preziös überkandidelte Farce «für burmanische Marionetten» auf einen Text Franz Bleis, huldigt der Erotik als lustvollem Spiel und entpuppt sich als veritable Opernpersiflage, in der Wagner selbst mit dem Marke-Zitat «Mir dies, dies, Tristan, mir» auftritt, als der Kaiser vom Ehebruch seiner vier Frauen erfährt. Die fällige Sanktion erübrigt sich, weil der kaiserliche General, dem sein Diener Tum Tum (exzellent der spielerisch brillante Tenorbuffo Mark Hamann) das Vergehen in die Schuhe schiebt, ...
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Opernwelt August 2013
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Uwe Schweikert
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Die Oper ist und bleibt der Wolpertinger unter den Künsten, bei dem sich Text, Musik und Szene gegenseitig unterstützen, kommentieren oder im Wege stehen. Diese Offenheit des Genres weckt zuweilen die Begehrlichkeit, alles hineinzuwerfen, auf dass am Ende schon irgendetwas Neues oder Aktuelles herausschaue. Das jüngste Projekt der Deutsche Bank Stiftung und ihres...
Ist das Richard Wagner? Ist das der an mangelndem Selbstbewusstsein wahrlich nicht leidende Meister von Bayreuth, der Zukunftsmusiker, der da auf dem Boden kniet und sich verzweifelt die Ohren zuhält? Und das in Gegenwart eines Frauenterzetts, das ihm sein eigenes «Hojotoho» entgegenschleudert. Ist das jener R., den Ehefrau Cosima in ihren Tagebüchern als «doch...
