Illusionslos
Manisch tritt der junge Mann auf der Stelle, sieht so verhetzt aus wie Woyzeck. Auch der stand einst in den Diensten eines Hauptmanns und wurde – unschuldig schuldig geworden – zum Tode verurteilt. Doch wird sind weder bei Georg Büchner noch bei Alban Berg. An der Staatsoper Hannover steigt Barbora Horáková in Georges Bizets «Carmen» mit einer sportiv performativen Geste des Getrieben-Seins ihres Don José ein, verweigert uns damit diesen mitreißenden Gestus des Stierkampf-Motivs, mit dem sonst die Ouvertüre champagnerspritzig anhebt.
Das Vorspiel ist in der auf zwei Stunden komprimierten Version ebenso gestrichen wie die Chöre und die meisten Rezitative. Dafür hat Marius Felix Lange als musikalischer Bearbeiter der Corona-konformen Fassung Carmen und Don José ihre Sprache zurückgegeben: Sie darf ein Lied auf Caló, er eines auf Baskisch zum Besten geben. Frühformen des Flamenco erhalten damit Einzug in Bizets bedingt authentische Andalusien-Anverwandlung. Habanera und Blumenarie, natürlich in Henri Meilhacs originalem Französisch gesungen, müssen deshalb nicht fehlen. Dafür ist der Orchestersatz auf je drei erste und zweite Geigen ausgedorrt, die Bläser treten solistisch in ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
Carmela, zehn Jahre alt, ist Fremde in einem fremden Land. Sie wurde zwar in Palermo geboren, als Tochter ghanaischer Eltern, doch die italienische Staatsbürgerschaft bleibt ihr verwehrt. Dass das Mädchen sich trotzdem heimisch fühlt, hat mit einer Musikinitiative zu tun, dem so genannten Regenbogenchor. Vor sechs Jahren ist er am Teatro Massimo gegründet worden,...
Die Lizenz zum Texttöten erstreckt sich längst auf das gesamte Repertoire, aber der «Fidelio» genießt bei Regie-Tyrannen immer noch einen hohen Rang, wenn es darum geht, einem Libretto den Garaus zu machen. Mit Beethovens epochaler Rettungs- und Befreiungsoper konnten sie alle etwas anfangen, Monarchisten anno 1814 und Demokraten anno 1848, Faschisten wie...
Bis heute weiß niemand, warum es im Jahr 1763 nicht mehr zur Uraufführung von «Les Boréades» kam, obwohl bereits Proben für Jean-Philippe Rameaus letzte Oper stattgefunden hatten. War es das veraltete Genre der tragédie lyrique, an dem der knapp 80-Jährige festhielt, nachdem er zuvor jahrelang nichts Neues mehr komponiert hatte? Oder war es gerade die Neuheit der...
