Illusionslos

Bizet: Carmen
HANNOVER | STAATSOPER

Manisch tritt der junge Mann auf der Stelle, sieht so verhetzt aus wie Woyzeck. Auch der stand einst in den Diensten eines Hauptmanns und wurde – unschuldig schuldig geworden – zum Tode verurteilt. Doch wird sind weder bei Georg Büchner noch bei Alban Berg. An der Staatsoper Hannover steigt Barbora Horáková in Georges Bizets «Carmen» mit einer sportiv performativen Geste des Getrieben-Seins ihres Don José ein, verweigert uns damit diesen mitreißenden Gestus des Stierkampf-Motivs, mit dem sonst die Ouvertüre champagnerspritzig anhebt.

Das Vorspiel ist in der auf zwei Stunden komprimierten Version ebenso gestrichen wie die Chöre und die meisten Rezitative. Dafür hat Marius Felix Lange als musikalischer Bearbeiter der Corona-konformen Fassung Carmen und Don José ihre Sprache zurückgegeben: Sie darf ein Lied auf Caló, er eines auf Baskisch zum Besten geben. Frühformen des Flamenco erhalten damit Einzug in Bizets bedingt authentische Andalusien-Anverwandlung. Habanera und Blumenarie, natürlich in Henri Meilhacs originalem Französisch gesungen, müssen deshalb nicht fehlen. Dafür ist der Orchestersatz auf je drei erste und zweite Geigen ausgedorrt, die Bläser treten solistisch in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Turbulent

In Wien gibt es eine Wels-Gasse, benannt ist sie nach Franz Wels, einem Pionier des Flugzeugbaus. Aber auch im Zusammenhang mit dem nämlichen Fisch ist sie an der Donau nicht ganz unbekannt, allerdings unter ihrem amerikanischen Namen Catfish Row, dem Schauplatz von George Gershwins «Porgy and Bess». Bereits im Jahr 1952 hatte, von Marcel Prawy arrangiert, ein...

Fröhlich-anarchistisch

Erzählt wird eine Geschichte von nachgerade biblischer Archaik: Beim Ansturm der Tataren, wir schreiben das Jahr 1243, flehen die Bewohner der Stadt Kitesh zu Gott, er möge das Schicksal wenden und sie vor dem sicheren Tod bewahren. Der Höchste zeigt sich gnädig gestimmt und lässt die Stadt samt Einwohnerschaft kurzerhand im Erdboden versinken – alle sind gerettet!...

Alles Schwere so leicht

Das Outfit ist, nun ja, gewagt. Vor allem, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit es stammt. Die 1950er-Jahre in Deutschland waren noch nicht unbedingt von jenem freien Geist geprägt, den die Generation danach etablieren sollte. Das Abendkleid jedoch, das die junge Frau mit dem verschmitzten Lächeln trägt, kündet von der kommenden Avantgarde: weitgeschwungen in der...