Hundert Jahre Gemeinsamkeit
Zu den auffälligsten Tendenzen der jüngsten Zeit gehört es, dass die Mauern zwischen ganz alter und ganz neuer Musik, zwischen historisch informierter Aufführungspraxis und moderner Interpretation immer häufiger fallen.
Der Buchstabe der Überlieferung wird in der Ausführung nicht mehr wörtlich eingefordert, sondern frei übersetzt, ja gänzlich ausgeblendet, wobei die stilistischen Mutationen etwa bei Simon-Pierre Bestion und seinem Ensemble «La Tempête», wie jüngst im erfrischend unkonventionellen Orlando di Lasso-Porträt, bis in die Pop-Musik reichen, aber auch die Konfrontation mit der experimentellen Avantgarde nicht scheuen.
Gleiches gilt im kleineren Maßstab, aber nicht weniger schlüssig für den Bassisten Jean-Christophe Groffe und sein in Basel ansässiges Ensemble «Thélème». Zuletzt brachte die Gruppe Lieder des Renaissance-Kompo -nisten Josquin Desprez heraus, von einem elektromechanischen Klavier und Synthesizer begleitet. Das funktionierte überraschend gut. Jetzt verbindet Groffe Auszüge aus den «Song Books» von John Cage mit Liedern aus dem «Second Book of Songs» von John Dowland. Eine wahrlich faszinierende Melange.
Es bedarf nicht einmal des ambitionierten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2025
Rubrik: Medien, Seite 28
von Uwe Schweikert
Auf den ersten Blick wirken seine Artefakte amorph, wie zerklüftet im Lauf der Jahre. Länger betrachtet lassen die scheibenartigen Skulpturen indes oft menschliche Gestalten erahnen, die mit der Zeit ihre Eigenart verloren haben: Gesichter, kaum noch erkennbar. Manchmal sind es derer sogar zwei. Nicht eben zufällig hat der britische Bildhauer Tony Cragg vor einigen...
Aparter Name. «Milchmanns Kaffeehaus», das klingt nach Behaglichkeit. Nach Poesie, vielleicht sogar nach Stille. Und genau so ist dieses unweit des S- und U-Bahnhofs Pankow gelegene Berliner Café auch. Unaufdringlich, hell, mit schlichten Holztischen, stabilen Küchenstühlen und mit großen Fensterscheiben, die das Sonnenlicht hereinlassen, sowie Menschen, die hier,...
Als Theodor W. Adorno in seiner 1962 publizierten «Einleitung in die Musiksoziologie» gleich zu Beginn, im Kapitel «Typen musikalischen Verhaltens», den durchaus ambitionierten Versuch unternahm, verschiedene Hörertypen zu definieren, wusste er selbst, dass diese Rubrizierung nur in einem idealtypischen Sinne und sehr allgemein, als eine Art «Mutmaßung» zu...
