Heilige und Hure
Ist Braunschweig das neue Bielefeld? Das Staatstheater zeigt sich seit einiger Zeit ähnlich neugierig wie das Bielefelder Haus unter John Dew, der in den 80er- und frühen 90er-Jahren die einstige Seidenweber-Stadt mit Opernentdeckungen in die Feuilletons auch überregionaler Blätter brachte. In Niedersachsen liegt der Schwerpunkt dabei auf angelsächsischen Themen – jetzt allerdings langte man für eine späte deutsche Erstaufführung tief in den Notenschrank italienischer Archive.
Was Librettist Silvio Benco vor 120 Jahren in seiner Oper «La Falena» zusammenbraute, ist ein intensiver Sud aus Sünde und Sühne. Auf Deutsch heißt la falena «Nachtfalter». Während der bekanntlich gern im Licht verbrennt, geht es hier um eine Dame, die König Stellio in Versuchung und Verderben führt, obwohl er doch eigentlich seiner keuschen Braut treu sein sollte.
Wie Tannhäuser ist er zwischen der Heiligen und der Hure hin- und hergerissen: Nur heißt die Heilige hier nicht Elisabeth, sondern Albina – weiß ist ihre Seele. Die Falena dagegen steigt in sündiger Robe aus der Tiefe wie ein Showgirl aus der Torte. Sie betört den König nicht nur, sondern treibt ihn auch zum Mord – Fastschwiegervater Uberto ist das ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Rainer Wagner
Bald ist es wieder so weit. Das Budapest Festival Orchestra (BFO) hat zur großen Tanz-Party auf den Heldenplatz geladen. Rund 500 Kinder aus allen Teilen Ungarns will Iván Fischer, der das Orchester 1983 gemeinsam mit Zoltán Kocsis gründete, am 3. Juni in der Hauptstadt begrüßen. Die meisten kommen aus armen Familien, aus strukturschwachen Landstrichen, die es...
Für Musik vor 1800 ist «historisch informierte» Aufführungspraxis längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Mozart-Rezitative vom Konzertflügel begleitet, Händel-Streicher mit sattem Dauer-Vibrato, Bach-Cembalokonzerte auf dem Steinway: undenkbar.
Dabei scheinen der Annäherung an die Vergangenheit im Detail keine Grenzen gesetzt. Wo die einen auf bestimmten...
Wie sagt man so schön? Gebranntes Kind scheut das Feuer. Für mich steht demnächst eine Produktion in einem Opernhaus an, in dem ich vor ungefähr 20 Jahren mal so richtig versengt wurde.
Natürlich übertreibe ich maßlos, wie immer. In Wahrheit war die Geschichte nicht besonders markerschütternd. Vor allem nicht besonders besonders. Einfach eine von denen, die manche...
