Hände hoch

Peter Sellars «ritualisiert» bei den Berliner Philharmonikern Bachs «Johannespassion»

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Bedürfen Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken szenischer Vergegenwärtigung? Ist ihre Botschaft, ihre Tiefe für die meisten Zuhörer heute nur noch nachzuvollziehen, wenn die Leidensgeschichte Jesu bebildert wird? Ohne visuelle Reize, ohne Aktion, so scheint es, sind die großen Oratorien des fünften Evangelisten kaum mehr an ein Publikum zu vermitteln, das den Bedeutungsfaden des Karfreitagsgeschehens weitgehend verloren hat.

Immer wieder haben sich Choreografen und Regisseure an Bachs geistlichen Hauptwerken abgearbeitet – ohne ihrer musikdramatischen Substanz Entscheidendes hinzuzufügen. Und doch ist das Bedürfnis weit verbreitet, die Sache mit dem Gottessohn auf der Bühne anzuschauen, als humane Tragödie, mit dem «ecce homo»-Ruf des Pontius Pilatus als Angelpunkt.

Auch Peter Sellars, nach einer erfolgreichen Einrichtung der «Matthäus-Passion» vor vier Jahren erneut bei den Berliner Philharmonikern aktiv, weiß, dass einer entzauberten Lebenswelt religiöse Narrative, zumal in kompositorisch verdichteter Form, fremd geworden sind. Seine Inszenierung der «Johannespassion» in der Philharmonie zielt freilich nicht auf Illustration des Handlungsbogens, sondern auf eine aus Gesten und ...

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Opernwelt April 2014
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Albrech Thiemann

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