Haarige Fantasie
Es habe keinen Tag gegeben, so hat Marcel Prawy erzählt, an dem es nicht in ihm gesungen hätte: «Glück, das mir verblieb». Und immer habe er dabei die Stimmen von Maria Jeritza und Lotte Lehmann gehört, die im Palast seiner Erinnerungen fortlebten wie die Marie in der von ihrem Witwer Paul für sie errichteten «Kirche des Gewesenen».
In der Hamburger Aufführung von Erich Wolfgang Korngolds «Die tote Stadt», einst von Geschmackspolizisten der Avantgarde unter Kitschverdacht gestellt, seit einiger Zeit wieder so erfolgreich wie im dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, fällt der erste Blick auf die Rückwand der Bühne, auf der sich blonde Haare wie Fäden verschlingen. Es ist ein doppelter Blick. Der des Zuschauers fällt auf Paul. Dieser, reglos auf einem Stuhl hockend, fixiert einen Fetisch: die Haare seiner verstorbenen Frau.
Das hypnotische Bild findet seine Entsprechung in dem mit Sand bedeckten Bühnenboden – Chiffre für die tote Stadt, zu der das einst stolze Brügge hier geworden ist. Roy Spahn ist es gelungen, auf suggestive Weise die «correspondance» zwischen «Bruges-la-Morte» und der toten Marie herzustellen. Ein Bühnenbild, das die Handlung stärker bewegt und treibt als die ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jürgen Kesting
Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe...
Und meine liebe Muse bleibt mir noch fern? Schweigend harrte ich ihres Besuches; durch Bitten wollte ich sie nicht beunruhigen. Denn die Muse, wie die Liebe, beglückt nur freiwillig. Wehe dem Toren, wehe dem Lieblosen, der, was sich freiwillig ihm nicht ergibt, mit Gewalt erzwingen will!»
So schreibt Richard Wagner im Mai 1857 an Mathilde Wesendonck, fünf Jahre...
«Ein Krampf. Ein Schreck. Ein Händedruck.» Es ging um die Uraufführung von Hugo von Hofmannsthals «Elektra», und der Kritiker Alfred Kerr dichtete Schlagzeilen.
Dabei reimte er freilich auf Druck Gluck. Doch die Musik des Ritters war ein Lüfterl im Vergleich zum Orkan, der noch kommen sollte: Richard Strauss funktionierte das Schauspiel, das im Zeichen der...
