Zurück zu den Lebenden
Dieser Mann ist am Ende. Seine Perspektiven sind trist. Er leidet unter Halluzinationen und Todessehnsucht. Rettung scheint unmöglich, Therapie erst recht. Hat er es hinter sich?
Ja, es ist ein ernstzunehmendes, durchaus modernes Krankheitsbild, ein depressives Syndrom mit psychotischen Zügen, mit dem uns das lyrische Ich in Franz Schuberts «Winterreise» konfrontiert.
Andererseits hält der Protagonist 24 Lieder lang durch, er macht nicht schlapp, die stimmlichen Aufgaben sind mitunter horrend, und bis zum Ende schwächelt er kein einziges Mal – obwohl er fortwährend von seinem Unglück singt.
Der wunderbare schwedische Bariton Peter Mattei holt die «Winterreise» zurück zu den Lebenden. Sein Reisender ist ein Leidender, scheint aber vor einem Suizid gefeit, er benötigt weder eine Zwangsjacke noch schwere Medikamente. Er geht hochbewusst durch sein Leben, kann gleichsam von außen sein Dasein, seine Bekümmernis beobachten. Die malt er sich in den düstersten Farben aus. Das gibt dem Emotionalen etwas Objektives. Umso stärker und tiefer taucht der Hörer mit Mattei zu den Unterströmungen eines Zyklus ab, die an ein Psychogramm denken lassen.
Mattei kann trauern und jubeln, dass man ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 20
von Wolfram Goertz
Ein Filialunternehmen? Dieses Gefühl möchte er den Inntalern natürlich nicht geben, sagt Bernd Loebe. Und doch fühlt, sieht und hört sich das sehr hessisch an, was in seinem ersten Programm bei den Tiroler Festspielen zu erleben war. Fast alle, ob Solisten, Dirigenten oder Mitglieder der Regie-Teams, haben irgendeine Beziehung zu Loebes Frankfurter...
Etwas war anders als sonst. Und das lag nicht nur daran, dass in Robert Carsens bildmächtiger Amsterdamer Inszenierung die sonst übliche Reihenfolge der beiden Stücke geändert worden war: Leoncavallos «I Pagliacci» bildete hier den tragischen Unterbau für Mascagnis «Cavalleria rusticana». Nein, es war auch die Art und Weise, wie die Klänge in den Saal geworfen...
Kaum ein anderes großes Land war kulturell so zerklüftet, dezentralisiert wie Deutschland, die «verspätete Nation» (Helmuth Plessner). Es gab keine dominierende Hauptstadt wie die «Wasserköpfe» Paris und London. Hinzu kamen die Kleinstaaterei und die selbstbewussten freien Reichsstädte. Zudem spaltete die Reformation das Land in Katholiken und Protestanten....
