Grauer Mitläufer

Oliver Rathkolb untersucht die Rolle von Carl Orff im Dritten Reich

Opernwelt - Logo

Seit Michael H. Kater 1995 in den «Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte» Carl Orff der «Widerstandslüge» bezichtigt hat, gilt der durch seine «Carmina Burana» weltweit populäre Bajuware als der Musikopportunist Hitler-Deutschlands schlechthin. Jetzt rollt der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb den Fall in einem fakten- und materialreichen Buch grundsätzlich auf.

Rathkolb, der 1991 eine Studie über die Künstlereliten des Dritten Reichs («Führertreu und Gottbegnadet») und zuletzt 2020 eine Biografie des Wiener NS-Statthalters Baldur von Schirach vorgelegt hat, kommt in seiner ebenso sachlich argumentierenden wie nüchtern bilanzierenden Untersuchung zu einem anderen Ergebnis. Grundlage der detaillierten, mit vielen Nachweisen, ausgiebigen Zitaten und einem Dokumentenanhang versehenen Darstellung sind öffentliche wie private Äußerungen Orffs, Berichte über seine Beziehungen zum NS-Staat und dessen Repräsentanten, Überlieferungen zu der Auseinandersetzung um seine Musik in der NS-Presse – und nicht zuletzt die Ansichtnahme der Entnazifizierungsakten samt den Verhör-Protokollen der US-Behörden, die der Autor schon 1999 aufgefunden hat (Oliver Rathkolb: «Carl Orff und der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 12 2022
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Zunge zeigen

All das Neue, was die Musikstadt Wien seit Beginn dieser Saison durchweht, hat mit dem Anfangen noch gar nicht aufgehört: Die Intendanzwechsel im Theater an der Wien sowie an der Volksoper haben erst eine kleine Handvoll an Produktionen nach sich gezogen, die grosso modo beim Publikum gut bis sehr gut angekommen sind – dazu gleich mehr. Im Haus am Ring hingegen hat...

Ist nicht die Seele nur ein Wahn?

Ein Biedermeierkomponist, ein Fabrikant von Potpourris hübscher Melodien, den man tunlichst nicht in einem Atemzug mit Weber und Wagner nennt: Diese tief verwurzelten Vorurteile gegen den Komponisten Albert Lortzing widerlegte das Gewandhausorchester Leipzig jetzt grandios. Erst die gewaltig berstende Ouvertüre und später manch andere symphonisch-polyphone Passage...

Ohne Bezug zur Gegenwart

Der Titel der großen Schau führt in die Irre. Denn hier wird weder nachgewiesen, dass die Oper tot ist, noch wird gezeigt, in welchen Spielarten sie heute höchst lebendig ist. Aber natürlich macht der leicht provokante Titel neugierig, und das ist schon ein Gewinn. Dass Oper gestrig sei, ist eines der hartnäckigen Klischees, mit denen sich die Gattung herumschlagen...