Gratwanderung
Der 19. August 1945 war für Leo Borchard ein besonderes Datum. Und das lag nicht nur daran, dass er an diesem Tag im Titania-Palast an der Spitze «seiner» Berliner Philharmoniker stand, sondern, weit mehr noch, am Programm des Konzertabends. Vor der Pause dirigierte Borchard Beethovens Erste und Strauss’ «Don Juan», im zweiten Teil lag die Partitur eines seiner Lieblingswerke auf dem Pult: die Fünfte von Peter Tschaikowsky. Wie keinem anderen Komponisten fühlte er sich diesem Tonsetzer verbunden. Und das gleichsam von der Wiege an.
Borchard war 1899 in Moskau geboren, er hatte die Musik Tschaikowskys gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen (und sollte später eine glänzende Übersetzung der Biografie von Nina Berberova abliefern). Bald aber bildete sich noch etwas anderes heraus: Es war das Bewusstsein, dass Musik Teil der Gesellschaft ist, dass sie niemals unabhängig von ihr existiert. Nicht in Russland, und schon gar nicht in Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft Borchard 1931 annahm, nachdem er mit seiner Familie bereits 1917 das in der Revolution schlingernde Russland verlassen hatte, um erst in Helsinki, später in Berlin zu studieren. Betrachtet man Leben und Werk dieses ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 44
von Jürgen Otten
Das ging schnell. Im Oktober 2017 erlebte Aribert Reimanns «L’Invisible» seine Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin, ein halbes Jahr später lag das Stück bei Oehms auf CD vor. Ein Zusammenschnitt von drei Vorstellungen samt Generalprobe in Zusammenarbeit mit dem rbb. Das Ensemble des Staatstheaters Braunschweig, wo Operndirektorin Isabel Ostermann das Stück...
Um halb zehn kommen die Jagdflieger. Zeit für den Mörike-Moment: «Über das Haupt stürzt dir krachend das Himmelsgewölb’». Minutenlang ist das große Festspielhaus zu Salzburg erfüllt vom Dröhnen der Maschinen, vom Geräusch einschlagender Bomben, von undefinierbarem Geschrei. Es ist das pure Grauen des Kriegs, das sich hier, in elektronisch verstärkten Tönen und...
Manches kleinere sommerliche Musikfest hängt im Wesentlichen an einer einzigen Person. So die splendide Initiative des kürzlich verstorbenen Dirigenten Enoch zu Guttenberg, der sich im auratischen Kunst-Ort Herrenchiemsee gleichsam als musikalischer Wiedergänger Ludwigs II. zelebrierte; ähnlich autoritativ Gustav Kuhn im eigens für ihn erbauten Festspielhaus im...
