Glücksfalten auf meiner Stirn
Die Erinnerung ist ein seltsames Tier. Manchmal, meist in der Nacht, steht sie fauchend und zähnefletschend vor mir, so als wolle sie mich gleich zerreißen; das sind die Augenblicke, in denen ich mich, in Schweiß badend, vor ihr fürchte. Manchmal ist sie hingegen wie eine sprießende Blume, und plötzlich sieht die Welt um mich herum so unfassbar schön aus; das sind die Augenblicke, aus denen ich meine Kraft schöpfe, auch die literarische.
Marcel Proust, den ich immer sehr verehrt und dessen megalomanes Opus «À la recherche du temps perdu» ich schon drei Mal gelesen habe, nannte die Botin des Unbewussten eine memoire involontaire, etwas Ungefähres, vage Aufscheinendes, etwas, das unvermittelt einfach da ist, als Körper, als Bild, als Klang. Wie das Leben selbst.
Als ich von der «Opernwelt» darum gebeten wurde, meine Frankfurter Erlebnisse aufzuschreiben, fiel mir Proust natürlich wieder ein. Es ging darum, sich zu erinnern, an zehn Monate meines Lebens, die ich am Main gewohnt, gelebt und, ja, auch geliebt habe, vor allem an all die Abende, an denen ich in der Oper Aufführungen besucht habe. Und das waren so viele, dass die Bilder davon sich überlappen, wie bei einem Palimpsest, und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 6
von Olga Myschkina
Die Zukunft der Oper stand schon immer auf dem Spiel, daran hat sich in den mehr als 400 Jahren ihres Bestehens grundsätzlich kaum etwas geändert. Was sich indes geändert hat, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sie auf die Bühne gelangt, das soziokulturelle Environment. Und spätestens nach der wenig fruchtbaren Diskussion über die...
In einer Welt, die sich zunehmend und vor allem zunehmend rasant verändert, fällt auch der Kunst eine andere Rolle zu: Sie kann und muss auf all die Kriege, Krisen und (klimabedingten) Katastrophen direkt und schneller reagieren. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, dass sie der Macht der beschleunigten Bilder, die durch die fortschreitende Digitalisierung den...
Ach, wie wäre das schön, gäbe es diese Zeilen: «In der Oper gewesen. Geweint!» Allein, es gibt sie nicht. Das Original klingt etwas anders, es ist hinreichend zitiert. Und beschreibt eine Neigung, die Franz Kafka lange Jahre pflegte. Es war das Kino, das imstande war, ihn, und sei es nur für einige Weltsekunden, zu verzaubern. Nicht die Oper. Und nicht einmal das...
