Giftgrün beleuchteter Alptraum

Vivaldi: Farnace Braunschweig / Staatstheater

Opernwelt - Logo

Möglicherweise sei unsere Welt die Hölle eines anderen Planeten, lesen wir in altertümlicher Schreibmaschinenschrift auf dem Vorhang, bevor dieser hochfliegt und ein dumpfes Brummen wie Kopfschmerz durch das Braunschweiger Staatstheater zieht. Roland Schwab inszeniert die deutsche Erstaufführung von Vivaldis «Farnace» – uraufgeführt 1727 in Venedig und bis 1738 sechsmal vom Komponisten für unterschiedliche Anlässe adaptiert – als Mischung aus giftgrün beleuchtetem Alptraum und Kriegsfilm in ­einer hyperrealistisch zerbombten Stadt.

Obwohl zur Ouvertüre der Sohn Rambo-Farnaces und Hausfrau-Tamiris, um dessen Leben sich der Dreiakter dreht, im Bett auf die verfremdeten Kriegsgeräusche lauscht, während an der Wand die Schatten seiner Spielzeugbomber kreisen, lässt der Regisseur in der Schwebe, wer hier eigentlich träumt und warum. Das macht die Szenenfolge diffus. Was soll hier erzählt werden? Man fragt umso dringlicher, als die Regie die losen Enden des stofflich großartigen, handwerklich aber schlampigen Librettos teilweise ingeniös miteinander verknüpft. Man steht ständig kurz vor einer inhaltlich vertieften, existenziellen Erfahrung der Musik – die dann doch ausbleibt.

Was aus dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Boris Kehrmann

Weitere Beiträge
Unter Kitschverdacht

Am Ende steht ein roter Punkt. Er prangt auf einem überdimensionalen Schwarzweißfoto, das die tote Mimì zeigt. Schon drängen sich die Atelier-Besucher um das Bild der Toten. Das Sterben als Attraktion, als Kunstwerk, als Ware. Tod geht immer gut. Eine sichere Nummer auf jeder Vernissage. Das Bild der Hingegangenen mit rotem Punkt – schon verkauft.

Andrea Moses hat...

Ich bin keine Sparintendantin

Frau Meyer, im Herbst 2015 wird das Haus am Offenbachplatz wiedereröffnet. Dann gibt es auch einen neuen Generalmusikdirektor – François-Xavier Roth, derzeit noch beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, wird Nachfolger von Markus Stenz. Oper war bisher nicht Roths Schwerpunkt. Was haben Sie mit­einander vor?
Die Details kann ich natürlich noch nicht...

Der Teufel sitzt im Labor

Sehen sie nicht alle irgendwie geklont aus? Die Damen hinter den neonbeleuchteten Schaufenstern im Amsterdamer Rotlichtbezirk tragen uniform Perücken, sitzen, wenn überhaupt, in engem Latex da, blicken ausdrucklos unter dicken Makeup-Schichten oder zeigen totaloperierte Brüste. Und in dieser Gegend ­neben dem Hauptbahnhof scheint auch Àlex Ollé seine ästhetischen...