Genius des Biedermeier
Als Herzog Bernhard, im Bruderkrieg 1866 törichterweise mit Habsburg verbündet, nach der Niederlage partout nicht weichen wollte, zog ein preußischer Spielmannszug vor das Meininger Schloss und intonierte «Sonst spielt’ ich mit Szepter, mit Krone und Stern»; der Landesvater kannte seinen Lortzing – und trat zurück. Auch Bernhards monumentaler Gegenspieler Bismarck war bestens vertraut mit «Zar und Zimmermann»; ihm sollen bei der gleichen Arie die Tränen gelaufen sein: «O selig, o selig, ein Kind noch zu sein …»
Doch hielten es nicht nur die Gebildeten mit Lortzing.
Seine oft als Spielopern bezeichneten, ergo degradierten Bühnenwerke sind Phänomene einer klassenübergreifenden Kunst. Sie sind einzigartig in ihrer poetischen Anmutung und kritischen Zumutung; kein zweiter Komponist hat im 19. Jahrhundert ein Lebenswerk geschaffen, das ähnlich deutlich gesellschaftliche und realpolitische Zustände thematisiert. Lortzing ist Realist, dann erst Romantiker und ganz zum Schluss auch ein wenig Biedermann. Herz und Gemüt, auf die seine Stücke vorrangig abzielen, sind keine Synonyme für Geistlosigkeit. Sie waren die Garanten für Publikumserfolge, wie sie in Deutschland zuvor nur die ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Volker Tarnow
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Vor Anker geht diese Musik nie. Sie streift und strömt, wälzt sich dahin und eilt, flüchtet von einer Harmonie zur nächsten, ergießt sich von einem Wohlklang in den anderen. Tiefe Unruhe, zermürbende Rastlosigkeit: Selten hat sich das so verführerisch angehört wie in Franz Schrekers «Das Spielwerk und die Prinzessin». «Ein Komponist taugt ohnehin kaum zum...
Wozzecks weißes Hemd scheint frisch gewaschen. Nur der Overall, den er darüber trägt, grenzt ihn von den hier den militärischen Ton angebenden Herren, denen er zu dienen hat, ab. Naturalistisches Dekor des Prekären und der sozialen Ungleichheit aber braucht Brigitte Fassbaender im aufgeräumten Bühnenbild von Bettina Munzer mitnichten, einem zwischen Hotelhalle und...
