Geliehene Kantilene
Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis «Le Grand Macabre» ist der Polizeichef ebenfalls ein hoher Sopran. Doch diese Melodie hier hat mit Ligeti definitiv nichts zu tun. Sie ist Futter für Kolorateusen, die sich auf Belcanto verstehen.
Woher sie stammt, wird uns am nächsten Tag der Komponist verraten. Vorerst steht fest: Der Polizeichef, der da in Gestalt der virtuosen Sirkka Lampimäki erklärt, man habe alles im Griff, liefert eine Show für die Medien. Er muss das tun. Denn kurz zuvor ist La Fenice in Flammen aufgegangen, das Kleinod der Stadt, Schmuckkästchen und Symbol ihrer musikalischen Tradition. Wenige Szenen später wird zumindest einer der Täter gefasst. Im Gefängnis hat er eine herrliche Lamento-Arie, und auch diese Musik kommt uns bekannt vor. Sie ist weniger verfremdet, und deshalb funktioniert das Klanggedächtnis besser: Ja, das muss die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Stephan Mösch
Es könnte glatt eine Empfehlung von Frank Castorf sein. 2016 wird Jonathan Meese in Bayreuth den «Parsifal» – nein, sicher nicht inszenieren, aber in den ihm eigenen Kosmos eingemeinden. Meese sagt ja schon lange, dass ihn Wagners Musik anmacht, weil man bei ihr in Trance kommt. Mit einer «Parsifal»-Performance ist er bereits 2005 an der Berliner Staatsoper gewesen...
Impressum
53. Jahrgang Nr. 9/10
Opernwelt wird herausgegeben
vom Friedrich Berlin Verlag
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752247
Redaktion Opernwelt
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Redaktionsschluss dieser Ausgabe war
der 14.08.2012.
Redaktion:
Stephan Mösch
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Hier kocht der Chef. In der Welt der Küchenschlachten und Topfgeldjäger gilt dies als Referenz. Doch kann das gelegentlich auch schiefgehen – wenn nämlich der an sich zuständige Maître sich bei den Zutaten vergreift. Im übertragenen Sinne ist dies nun dem Wiener Stagione-Opern-Kulinarikum (das freilich über solch rein Kulinarisches meist hinauslangt) passiert, weil...
