Gefährdete Gattung

Das traditionelle Musiktheater Chinas (xiqu) wird in Europa, wenn überhaupt, meist als exotisches Potpourri rezipiert, dessen Nummern aus unterschied­lichen Werken stammen. Dass dieses Musiktheater einen überaus reichen, regional wie stilis­tisch ausdifferen­zierten Formenkanon und eine Fülle klassischer Werke hervorgebracht hat, bleibt einer westlichen Optik verschlossen, die gern alles, was bunt maskiert, akrobatisch und mit nasalen Hochtönen daherkommt, unter dem Begriff «Peking-Oper» subsumiert. Tatsächlich sind mehr als dreihundert verschiedene Spielarten überliefert. Wenn das Berliner Haus der Kulturen der Welt nun erstmals führende Darsteller der Peking-Oper, der Yue-Oper, der Sichuan-Oper, der Qin-Oper und der Kun-Oper mit Solo-Stücken nach Deutschland eingeladen hat, ist das nicht nur der überfällige Versuch, einen blinden Fleck der okzidentalen Wahrnehmung auszuleuchten, sondern zugleich ein Hinweis auf die Bemühungen einer neuen Künstlergenera­tion, dieses kulturelle Erbe unter dem Druck einer geschichtsvergessenen Modernisierung von beispielloser Dynamik zu bewahren. Unser Thema nähert sich dem Phänomen aus drei Richtungen: Ein einführender Essay skizziert die von Höhen und Tiefen geprägte Entwicklung des chinesischen Musiktheaters im 20. Jahrhundert; eine Reportage behandelt die aktuelle Musik- und Theaterszene in Beijing und Shanghai; eine Rezension würdigt drei Aufführungen, die im Rahmen des Berliner China-Festivals zu sehen waren.

Opernwelt - Logo

Im Fall der traditionellen chinesischen Oper (xiqu) lässt sich von einem Gesamtkunstwerk der performativen Künste sprechen. Schamanistische Prak­tiken, Tänze, Jahrtausende alte Ringkämpfe und Hochstemmwettbewerbe, Schwertschlucker und Zauberer aus dem Römischen Reich, die über die Seidenstraße ins «Reich der Mitte» gereist waren, oder Bambusstamm-Equilibristen aus burmesischen Regenwäldern bildeten die ­Attraktionen der «Hunderterleiaufführungen» vor zweitausend Jahren.

Entscheidende Grundlagen für das Theater wurden auch in den Vergnügungsvierteln gelegt, wo Witze­erzähler auf Puppenspieler, Musiker, Schaukämpfer, Akrobaten trafen und ihre Künste vermischten. Aus anfangs einfachen Formen entstanden reichhaltige Programme. Als die Mongolen im 13. Jahrhundert China eroberten und die Yuan-Dynastie die Macht übernahm, wurden fast alle Beamten entlassen; viele fanden ihren neuen Brotberuf im Theater und führten dieses zu einer literarischen Blütezeit. Über Jahrhunderte zogen Truppen von Darstellern durch das Land, hinterließen überall Spuren, nahmen alles auf, was ihnen für die Bühne brauchbar erschien: Geschichten, Musizierweisen, Darstellungsformen, Kostüme. So wurden die Hafenstädte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Thema, Seite 34
von Michael Gissenwehrer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Steiler Aufstieg und frühes Leid

Was heute Anna Netrebko ist, war in den sechziger und siebziger Jahren Anna Moffo. Sie verfügte über Beauté und Aura eines Hollywood-Stars. Nur dass ihre optischen Reize dem Niveau einer Gesangskunst entsprachen, das Anna Netrebko bislang nicht erreicht. Anna Moffo bestach mit einer lyrischen, vollen und strahlenden Sopranstimme sowie vollendeter Koloraturtechnik....

Seelentausch

Finstere Romantik: skurril, fantastisch, unerklärlich. Roland Mosers Oper «Avatar» – das Libretto stammt vom Komponisten – basiert auf einer 1856 erstmals veröffentlichten Novelle von Théophile Gautier. Ein Text, wie ihn sich auch E. T. A. Hoffmann hätte ausdenken können. Ein merkwürdiger Doktor, der zu grotesken wissenschaftlichen Versuchen neigt und dadurch den...

Von Olimpia zu Anna

Welcher Opernfreund wäre nicht gern bei den Uraufführungen von Verdis «Otello» und «Falstaff» dabei gewesen? Aufnahmen mit Francesco Tamagno, Victor Maurel und Edoardo Garbin geben uns eine Vorstellung davon, wie damals gesungen wurde. Jetzt hat Preiser den ersten Lodovico und den ers­ten Pis­tola auf einer CD vereint: die Bassis­ten Fran­cesco Navarini (1855-1923)...