Gedankensplitter
Die Götter müssen verrückt sein! Wo bin ich da nur hingeraten?» Dergleichen mag Odysseus gedacht haben angesichts der Rumpelkammer, pardon: der begehbaren Kunstinstallation, in die sich Ithaka in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit verwandelt hatte. Wenn er schon die Heimat nicht wiedererkennt, wie wird es dann erst Penelope mit ihm ergehen? Kann es noch eine gemeinsame Zukunft geben? Das sind die großen Fragen an die Regie bei Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in patria».
In der Ausstattung von Anna Viebrock antworten Jossi Wieler und Sergio Morabito mit einem vorsichtigen «Ja»: Das Schlussduett des Paars mag schon die namenlose Freude feiern, doch erst im allerletzten Moment kommt es zu einer ersten, schüchternen Berührung nach so langer Zeit – Black.
Mit ihrer Inszenierung des eigentlich sprödesten, am seltensten separat aufgeführten Opus unter den drei erhaltenen Monteverdi-Werken hat die Wiener Staatsoper nun ihren entsprechenden Zyklus vollendet, der im Graben mit dem Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Pablo Heras-Casado seine Konstante hatte, aber verschiedenen Regieteams anvertraut war. Wieler und Morabito basteln ein Mosaik aus Erzählsträngen, ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Walter Weidringer
Einhundert Jahre schlief Dornröschen, die Prinzessin. Immerhin auf etwa die Hälfte brachte es Pinotta, die Waise. Doch nicht ein Prinz küsste sie wach, sondern ihr geistiger Vater – Pietro Mascagni, der Komponist dieses idillio in due atti über die Liebe dieser elternlosen Spinnereiarbeiterin zu ihrem Arbeitskollegen Baldo. 1880 hatte der damals 17-Jährige die...
Durchs Hagener Theater weht ein leiser Hauch von Buenos Aires. Ein Akkordeon ist es, mit einer wehmütigen Melodie, die auch von Astor Piazzolla stammen könnte. Komponiert hat sie aber Péter Eötvös für seine Tschechow-Oper «Tri sestry», als Inbegriff jener Melancholie, die schon im zugrundeliegenden Theaterstück fast alle Personen ergreift, von Beginn an. Tschechows...
Die Schwestern Nadia (1887–1979) und Lili Boulanger (1893–1918) gehören zu den Ikonen der Gender-Musikgeschichtsschreibung. Die frühverstorbene Lili, in Nadias Überzeugung die erste bedeutende Komponistin, hinterließ ein schmales, aber gewichtiges Œuvre. Nach Lilis Tod empfand Nadia ihr eigenes Schaffen als «überflüssig», gab das Komponieren auf und stellte ihr...
