Fröhlich-anarchistisch

Chernyshkov/Rimsky-Korsakow: Kitesh
HALLE | OPER

Erzählt wird eine Geschichte von nachgerade biblischer Archaik: Beim Ansturm der Tataren, wir schreiben das Jahr 1243, flehen die Bewohner der Stadt Kitesh zu Gott, er möge das Schicksal wenden und sie vor dem sicheren Tod bewahren. Der Höchste zeigt sich gnädig gestimmt und lässt die Stadt samt Einwohnerschaft kurzerhand im Erdboden versinken – alle sind gerettet! Wo einst Türme stolz aufragten, ruht nun begütigend der See Semjonow.

Der ideale Stoff für ein musikalisches Schlachtengemälde, dachte sich Nikolai Rimsky-Korsakow, der für seine vorletzte Oper jene Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesh mit der Figur der heidnischen Jungfrau Fewronia verquickte und Naturmystik auf christliches Heilsversprechen prallen ließ, weswegen das Werk von manchen Beobachtern auch als «russischer Parsifal» etikettiert wurde. Kitesh erscheint da zum Sehnsuchts- , ja gewissermaßen Erfüllungsort gesellschaftlicher Utopien verklärt.

Was Rimsky-Korsakows klangsatte, in folkoristischer Melodienseligkeit schwelgende Oper von 1907 mit der Hallenser Adaption zu tun hat? Wer sich Musik aus dem Original erwartet, in romantischer Prachtfülle dargeboten, wird gewiss enttäuscht sein. Dem Berliner ...

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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Werner Kopfmüller

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