Frauen am Abgrund
Die berühmten Arkaden der Felsenreitschule sind verschwunden. «Ihr sucht die Bühne?», fragt die Sprecherin des (sonst meist gestrichenen) Prologs. «Wo ist sie aufgeschlagen? In dir? In mir?» In den Wassern des Unbewussten wohl am ehesten liegt «Herzog Blaubarts Burg» bei Romeo Castellucci, nachdem der schwere schwarze Vorhang zur Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele zur Seite geglitten ist. Am dunklen Bühnenboden ist das feuchte Element fast nur zu ahnen, momenthaft erleuchtet von geometrischen Formen, aus denen Flammen schlagen.
Wie Feuer und Wasser sind Blaubart und Judith für Castellucci. Er, Mika Kares, das Wasser: bassig, etwas rau, aber gerade, ruhig. Sie, Ausrine Stundyte, das Feuer, von innen verglühend, am Verlust vielleicht des Kindes, dessen Schrei zu hören war, noch bevor Bartóks Musik einsetzt. Judith wälzt sich in den Wasserlachen, reißt sich den Slip vom Leib, versucht sich mit Elektroschocks das Leben zu nehmen, ein Vollbild dessen, was Sigmund Freud, zentrale Bezugsgröße für den Regisseur, als Hysterie diagnostiziert hätte. Castellucci, das muss man als erstes an diesem knapp vierstündigen Abend schlucken, kehrt die gängigen Rollen um: Nicht Blaubart ...
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Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Stallknecht, Markus Thiel, Jürgen Otten
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