Feinste Arbeit

Edmond Dédés «Morgiane» in Ersteinspielung

Opernwelt - Logo

Wenn im vierten Akt der «Morgiane» die Heldinnen und Helden sich im Kerker des Sultans von Isfahan wiederfinden, gelingen dem Komponisten Momente von hoher Dichte und Intensität. Kourouschah hatte die junge Amine bei ihrer Hochzeitsfeier im ersten Akt gewaltsam entführen lassen, um sie nach Despotenart zu seiner Frau zu machen – nicht wissend, dass es sich um seine und einer ehemaligen Favoritin Tochter handelt. Die Mutter Morgiane, der Stiefvater und der Bräutigam machten sich sogleich auf den Weg der Rache und Befreiung, der trotz mancher List scheitert.

Wenn sie jetzt dem sicheren Tod entgegensehen, öffnet sich ihnen, wie im fünften Akt der «Hugenotten», ein ekstatischer Blick ins Paradies. Edmond Dédé schreibt hier einen luziden A-capella-Satz, nachdem er den Akt mit einem komprimierten, mit Hörnern delikat instrumentierten Trauermarsch aus der Tradition der Revolutionsmusiken eingeleitet hatte. Und wenn die Mutter verzweifelt den letzten Trumpf zieht und dem Sultan ihren alten Hochzeitsring präsentiert, dann erfindet Dédé dazu ein elegisches, von Streicherpizzicati begleitetes Hornsolo: alles feinste Arbeit. Das Sujet war im Entstehungsjahr 1887 hoffnungslos veraltet. Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2026
Rubrik: Medien, Seite 38
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Deutschstunde

Weil hier die Männer das Wort führen, setzt die Regisseurin Elisabeth Stöppler unmittelbar einen Akzent. Zum Vorspiel zeigt sie Eva, die Tochter des megareichen Pogner, in einem schmalen White Cube als Intellektuelle: Kurzhaarfrisur, Schülerin von Hans Sachs, dem Poetik-Professor im Nebenberuf, der ihr eben ein Lied verreißt. «Fanget an! So rief der Lenz in den...

Paradise Lost

Das Paradies? Nun ja, auf Erden wird man es vergebens suchen, dort, wo Lebewesen ihrer Identität häufig schon beraubt sind, noch bevor sie eine solche überhaupt entdecken und entwickeln können. Menschen wie Agnès, die im unschuldigen Alter von 14 Jahren von dem reichen «Protector» als Ehefrau vereinnahmt und in einen imaginären Glaskäfig gesteckt wurde, wo sie...

Die Möglichkeit einer besseren Welt

Auf den Stufen zur Oldenburger Friedenssäule haben es sich zwei junge Frauen in Jeansjacke und Sonnenbrille bequem gemacht. Sie blinzeln zufrieden in den Frühlingshimmel und trinken heißen Tee aus mitgebrachten Thermoskannen. Der Sockel der 6,5 Meter hohen Säule ist leer. Ursprünglich stand ein Engel aus Bronze darauf, doch der wurde 1943 eingeschmolzen, um den...