Fabrikhallenfolklore
Seltsam, dass das im Nationaltheater München keiner komisch findet. Wenn die Solo-Posaune, drastisch vom b übers a und as zum g herabschmierend, postkoitale Erschlaffung illustriert und acht Takte später noch dreimal, im Gestus ähnlich, mit fallender Sekunde von versiegender Manneskraft quäkt. Es ist eine berühmt-berüchtigte Opernszene, unverstellt hat Dmitri Schostakowitsch in seiner Oper «Lady Macbeth von Mzensk» den Geschlechtsakt in Musik gesetzt – weil er, der nicht einmal 30-jährige Meisterorchestrator, es halt konnte.
Wie gepeitscht rammelt das Orchester und jault zum Höhepunkt auf. Das ist brutal und in seiner comicartigen Überzeichnung zugleich komisch – Schostakowitsch, ein Mann des Sowohl-als-auch. Aber bei der Premiere an der Bayerischen Staatsoper lacht keiner.
An Kirill Petrenko und dem alsbald aus einigen Ungenauigkeiten herausfindenden, fortan hochvirtuos aufspielenden Bayerischen Staatsorchester – besonders die vom Komponisten stark geforderten Holzbläser brillieren mit kaltem Witz – kann’s nicht liegen. In jedem Takt wird deutlich, dass der Noch-Generalmusikdirektor, wie es seine Art ist, jeden Ton wiegt, in seine Ordnung bringt, und keinen ...
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Opernwelt Januar 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Götz Thieme
Der Abend ist Legende: Sagenhafte 29 Jahre und 369-mal lief Walter Felsensteins Inszenierung des «Ritter Blaubart» an der Komischen Oper Berlin. Jetzt ist sie, knapp ein Vierteljahrhundert nach ihrer Absetzung, als Remake am Staatstheater Cottbus wieder aufgetaucht. Damit setzt sich das Haus an die Spitze eines Trends, dem 2017 auch die Salzburger Festspiele...
Wenn Figuren aus dem Textbuch steigen wie Tote aus dem Grab, wird es kompliziert. Schon dem Theaterdirektor in Luigi Pirandellos berühmter Groteske geht es so, als er Besuch von sechs Personen erhält, die ihren Autor verlassen haben und nun einen neuen suchen.
Ein ähnliches Schicksal erleidet der Schriftsteller Gabriel in Arthur Lavandiers knapp zweistündigem...
Diese CD fällt durch alle Raster. So wie der Künstler, dem sie gewidmet ist: Hans Jürgen von der Wense. Ein genialischer Freigeist, der alles anfing und nichts fertig brachte. Ein anarchischer Poet, der mit Noten dichtete und mit Silben, Wörtern, Sätzen komponierte. Er bastelte an einer Philosophie der Schaukel und schrieb, Autodidakt auf den Spuren des frühen...
