Enttäuschungen
Das Erschreckende in der vergangenen Spielzeit war für mich die Irrelevanz quasi des gesamten Kulturbetriebs. Systemrelevanz? Fehlanzeige! Das sah beziehungsweise sieht man auch jetzt noch, selbst bei begrenzter Platzauslastung bleiben erhebliche Teile des früheren Publikums weg.
Ein weiterer Schock: wie ungelenk manche Häuser und Institutionen mit der Krise umgangen sind.
Während zum Beispiel die Bayerische Staatsoper konsequent (Live-)Streams anbot und dafür erhebliche Mittel (man nennt das auch Subventionen/Steuergelder) in die Hand nahm, zog sich etwa die Semperoper lange Zeit völlig zurück und untersagte sogar Christian Thielemann zu proben. Letzterer prägte den hübschen Begriff «theilern», abgeleitet vom Namen des Dresdner Noch-Intendanten Peter Theiler, der einst in Nürnberg ein starkes, innovatives Programm machte und von dem man eine gewisse (natürlich verantwortliche) Widerständigkeit erwartet hätte.
Traurig auch, wie wenig innovative Digitalformate es gab. Der virtuelle Blick in die USA lohnte sich sehr, selbst kleine Kompanien nutzten die Chance, ein globales Publikum zu erreichen.
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 102
von Jörn Florian Fuchs («Deutschlandradio», München)
Wer an die vergangene Saison denkt, muss von Leid sprechen. Am 1. März 2020 hatte eine «Winterreise» an Stuttgarts Staatsoper Premiere. Wie immer dabei der hochgewachsene Unternehmer und Mäzen Helmut Nanz, Vorsitzender der Bachakademie, Förderer des Stuttgarter Kammerorchesters, Sammler von Mozart-Autografen. Gut gelaunt tauschte der 76-Jährige mit vielen ein paar...
Ach, wie war es doch vordem / mit den Listen so bequem... Aber nichts ist mehr so, wie es einmal war, also auch nicht die übliche standardisierte Saison-Benotung aus Sichten, Einordnen, Nominieren, Zusammenzählen, Küren von Siegerinnen und Siegern.
Andererseits war ja auch nicht «nichts» in diesen verseuchten Monaten! Im Gegenteil: Man streamte und war plötzlich...
Beginnen wir mit einem Zitat von Carolin Emcke, aus deren Pandemie-Tagebuch: «Wenn wir jetzt nicht nachweisen, was wir können, wenn wir jetzt nicht begründen, warum es uns, die wir Geschichten erzählen, fiktive oder nicht-fiktive, die wir die Wirklichkeit verwandeln oder beschreiben, die wir Trost spenden oder Wissen vermitteln, die wir Wörter oder Konzepte wiegen...
