Endspiel
Manchmal entscheiden die ersten Minuten über den Ton einer Aufführung, und damit ist nicht die Musik gemeint. In Nürnberg entert ein munterer Mann das Parkett. «He, ho, Waldhüter», ruft er. Weniger in Richtung Knappen, sondern gen Premierengemeinde. Nicht einschlafen, die Sache dauert schließlich noch fünf Stunden, signalisiert er augenzwinkernd – und küsst einer überraschten Dame in Reihe eins die Stirn. In Ulm hebt sich der Vorhang, und da liegt ein junger Geistlicher. Am Kreuz steht statt «INRI» das Nietzsche-Verdikt «Gott ist tot».
Der schon auch, zuvörderst aber einer seiner Stellvertreter auf Erden. Blut fließt aus dem Arm, ein Suizid, dieser Mann hat eine sektiererische Gemeinschaft nicht mehr ausgehalten.
Der Unterschied zwischen beiden «Parsifal»-Produktionen: Am Stadttheater Ulm geht das so weiter – stringent, durchdacht, doppelbödig. In Nürnberg hingegen fallen die fünf Stunden auseinander. Letzteres ist Konzept, aber in der Realität kaum hinreichend und stückerfüllend. Von Mitleid weiß in Ulm jedenfalls keiner. Diese Männer in schwarzen Anzügen und mit Kollar singen von Liebe, greifen aber zum Schwert, um sich zur Phalanx zu formieren. Wer zweifelt, wird abgeführt.
Und ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Der Schwanenmord steht noch aus, erst recht der Gang durch Raum und Zeit zur Gralsburg oder Kundrys alles wendender Kuss. Es ist Gurnemanz, der für einen frühen Höhepunkt sorgt. «Ihm neigten sich in heilig ernster Nacht …», singt Georg Zeppenfeld, und man muss innerlich niederknien vor ihm. Dass dieser Bassist für seine Wortverständlichkeit gerühmt wird, passiert...
Auf der Milchstraße, nachts um halb eins, kann man ihn sehen. Jedoch nicht in Reinkultur erscheint der stolze Schwan dort droben. Sondern als Sternbild im Sommerhimmel. Jeder Irrtum ist ausgeschlossen: Seine Linien sind, so man das richtige Teleskop zur Verfügung hat, klar erkennbar. Elsa von Brabant und ihr liebend-geliebter (von einer ebenso wie er in...
Rodion Schtschedrins erstes Bühnenwerk «Nicht nur Liebe» markierte 1961, zu Zeiten der relativen Entspannung durch Chruschtschows Politik, eine bedeutende Wende in der sowjetischen Oper. Das stilistisch innovative Werk, ein postmodernistisches Zusammenspiel aus verschärfter Rhythmik à la Strawinsky und vertiefter Dramatisierung à la Mussorgski, zog sofort große...
