Einfach magisch
Henry James’ Novelle «The Turn of the Screw» entspringt der Tradition der englischen Gothic Novel, ist psychologisch allerdings so verfeinert, dass sich das Schaurige, die Bedrohungen der Kinder Miles und Flora durch die Geisterscheinungen der verstorbenen Hausangestellten Quint und Miss Jessel, nur erahnen lässt. Dem entspricht Brittens Oper als eine lose Folge von zweimal acht Szenen ohne eigentlichen Handlungsfaden.
Trotz dieser offenen Dramaturgie erlebt die Gouvernante die Situation als zunehmend bedrohlich, angefangen bei der (noch herzlichen) Begrüßung auf dem Landsitz Bly, bis zum Tode Miles’, den sie eigentlich vor dem Zugriff des geisterhaften Quint retten wollte.
Die Regisseurin Sandra Leupold hat am Theater Trier eine szenische Entsprechung zu dieser Offenheit gesucht und überraschenderweise eine leere Bühne gewählt, bei der man sogar in die unverstellten Seitengassen blickt. Nur in der Mitte hat Flurin Borg Madsen Latexbahnen gespannt, die später reißen und eine überdrehte, zu fest angezogene Schraube symbolisieren sollen. Quint und Miss Jessel versprühen vor jedem Auftritt ein wenig Nebel. Bei Szenenwechseln huschen die Protagonisten wie ferngesteuert auf die Bühne ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2025
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Richard Lorber
Diese Uraufführung Ludger Vollmers und seiner Librettistin Jenny Erpenbeck, entstanden nach dem verzweifelt um seinen Fortschrittsoptimismus kämpfenden, schließlich abgebrochenen Roman-Epos Werner Bräunigs und mit beträchtlichem Aufwand als eines der Zentralereignisse des Chemnitzer Kulturhauptstadt-Jahres vorbereitet, war ein großer Erfolg. Da allerdings mancher...
Ein angenommenes Vergessen der Geschichte, so beschreibt es der Philosoph und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer, sei nicht ein Fehler des individuellen oder kollektiven Gedächtnisses, sondern gehöre vielmehr unmittelbar zum Prozess unseres Verstehens dazu. Erst das Spannungsfeld zwischen Vergessen und Erinnern ermögliche es uns, das eigene Denken in ein Verhältnis...
Es fängt gemächlich an. Dem Stück fehlt eine zündende Ouvertüre, wie sie Reznicek für seine «Donna Diana» – dank Angelo Neumanns Anregung – nachgeliefert hatte. Doch entschädigt der «Till Eulenspiegel» Ende des ersten Akts großzügig: Der durch Gezwitscher charakterisierte Spaßvogel resümiert sein Glaubensbekenntnis, indem er eine altertümliche Weise anstimmt,...
