Eine große Liebende
Kann tief empfundene Liebe bestehen, wo sie nicht erwidert wird? Diese Frage hat nicht erst Simone de Beauvoir bejaht. Wer die Textdichter Beaumarchais und Da Ponte nicht zwingend genug findet, wird bei Mozart dieselbe Antwort nicht lesen, aber hören. «Dove sono i bei momenti» – wo sind sie abgeblieben, die Momente der Liebe? Da klingt nicht einfach Nostalgie durch in «Le nozze di Figaro», sondern eine noch immer innig liebende Seele. Die nämlich der Gräfin Almaviva, die von ihrem (inzwischen?) notgeilen und herrschsüchtigen Ehemann seit Jahren gedemütigt wird.
Am Opernhaus in Oslo macht die britische Sopranistin Nardus Williams diese Arie mit glutvoll-strahlender Stimme und großem Herzen zu einem lang nachhallenden Erlebnis. Mehr noch: Über die gesamten dreieinhalb Stunden ist es diese Künstlerin, die im Alleingang Wärme und Wahrhaftigkeit verleiht, bei jedem Auftritt. Nardus Williams lässt ihre Rolle zu dem werden, was sie ist: eine der großen Liebenden in der Opernliteratur. Die Umstände haben es ihr nicht leicht gemacht: Regisseur Matthew Wild, seit seinem «Tannhäuser»-Erfolg in Frankfurt einer der heißen Namen der Szene, hat die Handlung vom hitzeflirrenden Sevilla verlegt in ...
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Opernwelt August 2026
Rubrik: Panorama, Seite 67
von Stephan Knies
JUBILARE
Am 29. August wird der französische Komponist Gilbert Amy 90 Jahre alt. In Paris geboren, studierte er dort unter anderem bei Darius Milhaud, Oliver Messiaen und Yvonne Loriod. Bei den Darmstädter Ferienkursen war Amy Schüler von Karlheinz Stockhausen. 1961 startete er eine Karriere als Dirigent, die ihn zu den großen französischen Symphonieorchestern...
Charles Silvers Oper «La Belle au bois dormant» war länger im totengleichen Schlaf versunken als Aurore, die Titelheldin des klingenden Opernmärchens. Jetzt hat das unermüdliche Palazzetto Bru Zane, dessen rasante Wiederentdeckung der französischen Musik des langen 19. Jahrhunderts zur diskographischen Erfolgsstory geworden ist, das Dornröschen dieser 1902 in...
Den Anachronismus jedweder Aufführung von Musik, die mehr als zwei, drei Generationen alt ist, demonstriert verblüffend, irritierend – jedenfalls viele Fragen aufwerfend – der Countertenor Jakub Józef Orliński mit seinem Album «if music…». Unter der Prämisse stilistischer Kohärenz hebt er radikal die Wahl der Mittel auf.
Zunächst scheint die Begleitung eine...
