Ein musikalisches Meisterstück
Zunächst ist man skeptisch. Im kleinen Luzerner Theater soll es eine große Britten-Oper geben? Mit farbig-fülliger Orchestrierung und einem ganzen Dorf auf der Bühne? Und tatsächlich ist der Einstieg gewöhnungs -bedürftig: Arg reduziert sind Streicher und Bläser, zu sehen gibt es nur eine Mauer.
Doch bald schon beginnt ein musikalisches Wunder: Jonathan Bloxham holt am Pult des Luzerner Sinfonieorchesters aus einer begrenzten Musikerschar wirklich sehr viel heraus; die Zwischenspiele (sie bilden Stimmungen des Meeres ebenso ab wie die inneren Zustände der Hauptfigur) klingen energiereich, schön, klar, wo nötig aufbrausend. Der Gesamtklang wird immer korpulenter, raumgreifender und bleibt doch genau gestaltet – Bloxham gelingt ein Meisterstück! Auch die Chöre (Einstudierung: Manuel Bethe) sind überragend.
Benjamin Britten schuf mit «Peter Grimes» (das fulminante Libretto stammt von Montagu Slater, nach einem Gedicht von George Crabbe) vor allem ein Seelendrama; der Titelgeber ist Fischer und hat zwei Jungen auf dem Gewissen. Sie haben ihm auf hoher See geholfen und sind (vermutlich) verunglückt. Wobei immer auch das Thema Missbrauch mitschwingt. Die Dorfgemeinschaft jedenfalls ...
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Opernwelt November 2025
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Jörn Florian Fuchs
Goethes begrenztes Musikverständnis zu bemängeln, gehörte lange Zeit zum guten Ton seiner Kritiker. Beethovens Fünfte war ihm zu titanisch, Schuberts «Erlkönig» fand er «detestabel», das Urteil über die «Huit scè-nes de Faust» von Berlioz überließ er Zelter, der darin nur «Husten, Schnauben, Krächzen und Ausspeien» hörte. Andererseits spielte Goethe passabel...
Lange hatte Johann Strauß (Sohn) schon keinen großen Bühnenerfolg mehr zustande gebracht, da sollte ein großes Handlungsballett die Wende einleiten. Die sensationelle Ankündigung wurde 1898 mit der Ausschreibung eines Autorenwettbewerbs zum Libretto in der Zeitschrift «Die Waage» verbreitet. Ein Novum und ein echter Coup: Schließlich hatte sich der Komponist seit...
Ein angenommenes Vergessen der Geschichte, so beschreibt es der Philosoph und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer, sei nicht ein Fehler des individuellen oder kollektiven Gedächtnisses, sondern gehöre vielmehr unmittelbar zum Prozess unseres Verstehens dazu. Erst das Spannungsfeld zwischen Vergessen und Erinnern ermögliche es uns, das eigene Denken in ein Verhältnis...
