Editorial Opernwelt 5/25
Mangelnde Aktualität: Das war einer der stärksten Vorwürfe, denen sich die Gattung Oper in den vergangenen Jahrzehnten ausgesetzt sah. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Existenz des Musiktheaters als kultureller Selbstzweck immer mehr in Frage gestellt wurde, ging es plötzlich darum, was die Oper denn überhaupt «bringe»: was genau ihre Stoffe vermitteln könnten, das über den Horizont des rein persönlichen Erlebens hinausreiche. Die Frage nach der Aktualität wurde zum Antriebsrad des Regietheaters.
Regisseurinnen und Regisseure mühten sich, den herrschenden Vorstellungen von Relevanz gerecht zu werden, oft verkrampften sie dabei oder verirrten sich in zwanghaft verfolgten Konzepten. Die Kritiker ächzten, verrissen, freuten sich aber auch, wenn doch immer wieder Regie-Ideen aufgingen oder augen- und ohrenöffnende Momente entstanden.
Von «Zeitenwende» ist derzeit viel die Rede. Sie betrifft auch die Oper: Plötzlich erscheinen viele Stoffe so aktuell, dass vielfach von einem «Stück der Stunde» die Rede ist. Allein in diesem Heft fällt eine ganze Reihe von Bühnenwerken unter diesen Begriff: Walter Braunfels’ «Die Vögel», mit ihrer Fabel vom Aufbau eines imperialistischen Staates (über ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Clemens Haustein
Asle und Alida sind, anders als die meisten Opern-Liebespaare, nicht aneinander gescheitert. Sie wussten sofort, dass sie zueinander gehören. Ihr Scheitern verantwortet die Gesellschaft, wenngleich sie beide große Schuld mit sich tragen. Mit einer Maria-und-Josef-Herbergssuche kurz vor der Niederkunft beginnt die Geschichte – doch der Autor will nichts hören von...
Man könnte denken, Johann Friedrich Agricola habe mit seinem Geburtsort geographische Gerechtigkeit walten lassen. Bald auf den Meter genau in der Mitte zwischen den Städten Altenburg und Gera liegt das Dorf Dobitschen, wo Agricola 1720 als Sohn eines «Fürstlich Altenburgischen und Freiherrlich Bachofenischen Kammeragenten und Gerichtsdirektors» zur Welt kam....
Walter Braunfels traf mit seiner Parabel «Die Vögel» 1920 den Geschmack der Zeit. Sein «lyrisch-phantastisches Spiel» entwickelte sich rasch zum Kassenschlager und wurde bis in die 1930er-Jahre sogar häufiger gespielt als Strauss’ Erfolgsopern. Doch Braunfels galt als «Halbjude», und so endete mit der Machtübernahme der Nazis nicht nur seine Karriere als...
