Editorial Opernwelt 1/26
Diese redaktionelle Eingebung ist Legende: «Prima, eine Donna am Pult», lautete 2002 die Überschrift zu einem Porträt der US-amerikanischen Dirigentin Marin Alsop in der «Süddeutschen Zeitung». Alsop war in jenem Jahr zur Chefdirigentin des Bournemouth Symphony Orchestra ernannt worden und damit eine der ersten (von wenigen) Frauen in führender Position. Seither hat die Welt einige wackelige Runden gedreht – und das Beispiel von Marin Alsop Schule gemacht.
Blickt man auf die Konzertpodien und in die Orchestergräben, sieht man in der althergebrachten Männer-Domäne vor allem auch in der Oper immer öfter weibliche Taktgeber von Format; beispielhaft seien – neben Simone Young, die wie Alsop zu den Pionierinnen zählt – Künstlerinnen wie Emmanuelle Haïm, Ariane Matiakh, Nathalie Stutzmann, Joana Mallwitz oder Speranza Scappucci genannt; Letztere ist seit Beginn dieser Saison Erste Gastdirigentin am Royal Opera House London.
Die temperamentvolle italienische Dirigentin war auch die erste Frau, die an der einst ruhmreichen Mailänder Scala in den Graben stieg; 2022 war das, bei Bellinis «Capuleti e i Montecchi». Die Reaktionen auf dieses Debüt waren durchweg positiv, sogar im Mutterland der Oper, wo man seit Erfindung des «unmöglichen Kunstwerks» nur Titanen bei ihrem Tun bestaunen durfte. Weit weniger glücklich war man Mitte November an der Scala über die Ankündigung des Staatssekretärs für Kultur, Gianmarco Mazzi, man wolle während einer Konferenz in Verona eine «künstlerische Überprüfung» sämtlicher Opern- und Symphonieorchester durchführen, da es dem Land an musikalischen Spitzenleistungen mangele. Brisant war diese Ankündigung auch und gerade deswegen, weil Mazzi der regierenden postfaschistischen Partei «Fratelli d’Italia» von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni angehört, die sich gerade anschickt, das Land in eine illiberale Demokratie umzuwandeln. Welche Folgen diese politische Umwertung vieler Werte zeitigen könnte, mag man sich nicht einmal im Traum ausmalen. Aber es ist wohl kaum verwegen, wenn man mutmaßt, dass der Kultur vermutlich die Rolle eines Außenseiters zugewiesen wird. Kunst, vor allem kritische Kunst, ist in doktrinär gesteuerten Systemen immer schon in Gefahr gewesen.
Wie groß die Gefahr der Einmischung ist, verdeutlicht die Ernennung von Beatrice Venezi zur Musikdirektorin des Teatro La Fenice, die in bella Italia Anfang Oktober ein kulturelles Beben auslöste. Mochte Nicola Colabianchi, seit diesem Jahr Intendant an Venedigs traditionsreichem Opernhaus, zunächst noch beschwichtigen, die junge Dirigentin sei nur eine von vielen Kandidatinnen und Kandidaten, so wurde doch recht bald klar, dass der Kulturbeamte, dem eine Nähe zu Meloni nicht nur nachgesagt wird, mit gezinkten Karten spielte: Anders als behauptet, hatte er das Orchester von La Fenice nicht an der Meinungsfindung beteiligt, sondern war schnurstracks dem Willen der italienischen Ministerpräsidentin gefolgt. Die wehrhaften Musikerinnen und Musiker reagierten augenblicklich: Anstatt die Premiere von Bergs «Wozzeck» im Opernhaus zu spielen, gaben sie ein Protestkonzert vor dem Musentempel und lancierten eine Petition gegen die Ernennung Venezis. Gründe dafür gibt es massenhaft. Beatrice Venezi ist zwar in der Tat Dirigentin, als solche aber kaum in Erscheinung getreten. Ein Federgewicht, das ihre Landsleute vor allem aus Talkshows und aus der Shampoo-Werbung kennen – sowie als Vertraute Melonis. Die 35-Jährige trat bei öffentlichen Veranstaltungen der «Fratelli d’Italia» auf, posierte für die Partei auf Plakaten und beriet das Kulturministerium. Böse gesagt: ein «Mädchen für alles», das aber eben auch alles dafür tut, die eigene Kariere anzukurbeln.
Künstlerische Gründe für ihre Ernennung wird man vergebens suchen. Venezi hat kaum Opern dirigiert. Den «Liebestod» aus Wagners «Tristan» hat sie aufgenommen, aber von einer «Interpretation» lässt sich auch hier nicht sprechen. Eine solche Frau mit dem Posten des «Direttore d’orchestra» zu betrauen (Venezi lehnt das Gendern ab), erscheint doch als ein Akt der Willkür. In Umkehrung von Walter Benjamins Satz von der «Ästhetisierung des politischen Lebens» könnte man im vorliegenden Fall auch von einer «Politisierung des ästhetischen Lebens» sprechen. Für die Musikerinnen und Musiker, für das Haus und für die Kunst im Ganzen ist das keine besonders gute Nachricht, zumal Meloni mit dem Satz zitiert wird, sie wolle «die kulturelle Hegemonie der Linken» brechen. Mag das mit einer unerfahrenen Dirigentin so einfach an einem italienischen Opernhaus wohl kaum funktionieren, so lässt sich zumindest eines deutlich sagen: Es ist überhaupt nicht prima, dass diese Donna am Pult steht. Es ist eine krasse Fehlentscheidung – und damit letztlich ein kulturpolitischer Skandal.
Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
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