Editorial
Plötzlich durften sich alle anfassen: Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Gott und Gattin. Sie waren so verdutzt, dass sie ihre Hände und Hüften kaum richtig nutzen konnten. Denn ihre Körper waren bisher vor allem Klangkörper und deshalb auf ganz andere Dinge geeicht, zumindest solange sie auf einer Bühne ausgestellt und angestrahlt wurden: auf Statik, Distanz, auf die ruhige Aura einer makellosen Tonproduktion. Und nun sollten diese Körper sich anschmiegen und abstoßen, so wie es sich bisher nur die Stimmen getraut hatten. Und auch das nur nach dem Programm des Komponisten.
Der neue Komponist der Körpermusik konnte keine Noten lesen, aber sehr genau zuhören. Und so übersetzte er die Emotionen des Klangs in Bewegung und Körpersprache in Tonfälle. Er konnte das, weil er es nicht anders kannte. Er kam vom Film. Er hieß Patrice Chéreau, und das Ganze fand vor fast dreißig Jahren in einem fränkischen Sommertheater statt. 2005, im Sommer, in Aix-en-Provence, wird er nach langer Zeit wieder Klangkörpertheater machen: bei Mozarts «Così fan tutte».
Die Oper hat vom Film gelernt. Längst abgeschafft die Kluft zwischen agilen Stimmen und steifen Körpern, aus denen sie herausflöten oder ...
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