Ecce homo!
Unter den zahllosen sonderlichen Gestalten in Dostojewskis Romanen ist er, neben dem fieberrasenden Rodion Romanowitsch Raskolnikow, vermutlich die sonderlichste.
Ein Ritter von der traurigen (modernen) Gestalt, mitfühlend und verträumt, weltfremd wie menschenzugewandt, ein Philanthrop mit erkennbarem Hang (und der angeborenen Fähigkeit) zu Agape und Philia, somit der personifizierte Gegensatz zu Molières Alceste; eine zartfühlende Seele, die ihren infantilen, naiven Glauben an das Humane selbst in der Katastrophe nicht verliert; faszinierend durch ihre Unschuld und, obwohl von den meisten belächelt, nicht eine Sekunde lang lächerlich; gleichermaßen anziehend wie irritierend. Kurzum: ein reiner Tor – und, wie es die Literaturwissenschaftlerin Ilma Rakusa einmal sehr zutreffend formuliert hat, «der stillste von Dostojewskis Revolutionären».
Ein Held der etwas anderen Sorte ist dieser Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, der als liebender, sichtlich zerstreuter Gast die Welt betritt, sich in ihr umschaut und nur das Gute, Numinose sieht (oder besser: sehen will), obwohl das Böse, Animalisch-Durchtriebene ihn umgibt und zu verschlingen droht. Fürst Myschkin leidet darunter wie ein ...
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Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Aufführung des Jahres, Seite 46
von Jürgen Otten
Starke Spielzeiteröffnung an der Deutschen Oper Berlin: Der Regisseur Christof Loy bringt Ottorino Respighis «La fiamma» auf die Bühne. 1936 war das Stück letztmals in der Stadt gespielt worden, danach nie wieder. Warum? Carlo Rizzi am Pult des Orchesters der Deutschen Oper präsentierte eine Musik, die voll dramatischer Kraft ist und die über einen hinreißenden...
Herr Metzger, am Abend vor unserem Gespräch fand die letzte Vorstellung von Charles Tournemires Oper «Le petit pauvre d’Assise» in Ulm statt. Wie war die Reaktion des Publikums, war dieses unbekannte Werk gut besucht?
Gestern hatten wir knapp über 70 Prozent Platzausnutzung, das ist sehr anständig für so ein Projekt. Was die Wirkung auf unser Publikum betrifft: Ein...
Man stelle sich das für eine Weltsekunde mal vor: Das Ende der Geschichte wäre da. Alexandre Kojève lässt es nur ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einer nachträglich hinzugefügten Fußnote seines gleichnamigen Buchs – Summe sämtlicher Hegel-Vorlesungen des russisch-französischen Philosophen zwischen 1933 und 1939 an der Ecole pratique des hautes études –...
