Die Wunde in ihren Herzen
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt sein: In der gleichen Tonart wird späterhin, wenn alle Hoffnung dahingefahren ist, Dagons Tempel einstürzen wie ein Kartenhaus, das Gott nicht mehr gefällt, weil es von Hass erfüllt ist.
Als würde sie es ahnen, tigert Dalila (Katarina Bradić), noch bevor Samson (Massimo Giordano) im Rollstuhl von seinem Diener hereingefahren wird, unruhig durch ihr mondän-steriles Wohnzimmer, auch hat sie schon einige Gläser Whiskey zu viel intus, um noch bei klarem Verstand zu sein. Wie musikalisch dies von Marie-Eve Signeyrole an der Opéra national du Rhin inszeniert ist, verrät ein Blick in die Partitur. Auch Camille Saint-Saëns, der Schöpfer von «Samson et Dalila», «tigert» in Sekundschritten zwischen den Tonarten umher, von B-Dur nach H-Dur, von a-Moll zu b-Moll, von C-Dur zu Des-Dur (der Haupttonart des Verführungs-Andantinos «Mon ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Don Juans musikalische Bühnenkarriere begann bereits 100 Jahre vor Mozart mit der 1669 im Privattheater der Adelsfamilie Colonna uraufgeführten Oper «L’empio punito» («Der bestrafte Gottlose») von Alessandro Melani (1639–1703), der seit 1667 als Kirchenkomponist in Rom wirkte. Mit ihrer deftigen Komik und expliziten Erotik ist Melanis Dramma per musica noch...
Der Wiener Jugendstil, so hat es Nike Wagner einmal poetisch und zutreffend formuliert, sei die «Kunst der Träumerei entzügelter Nerven». Symptomatisch für diese Zeit steht Alexander Zemlinskys Oper «Der Traumgörge» von 1907. Dessen Titelheld ist ein Träumer, der sich in Bücher versenkt und seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans überlässt....
Das Outfit ist, nun ja, gewagt. Vor allem, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit es stammt. Die 1950er-Jahre in Deutschland waren noch nicht unbedingt von jenem freien Geist geprägt, den die Generation danach etablieren sollte. Das Abendkleid jedoch, das die junge Frau mit dem verschmitzten Lächeln trägt, kündet von der kommenden Avantgarde: weitgeschwungen in der...
