Die Wunde in ihren Herzen

Marie-Eve Signeyrole säkularisiert in Strasbourg Camille Saint-Saëns’ Meisterwerk «Samson et Dalila», Ariane Matiakh lässt die Dämomen im Graben wüten

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Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt sein: In der gleichen Tonart wird späterhin, wenn alle Hoffnung dahingefahren ist, Dagons Tempel einstürzen wie ein Kartenhaus, das Gott nicht mehr gefällt, weil es von Hass erfüllt ist.

Als würde sie es ahnen, tigert Dalila (Katarina Bradić), noch bevor Samson (Massimo Giordano) im Rollstuhl von seinem Diener hereingefahren wird, unruhig durch ihr mondän-steriles Wohnzimmer, auch hat sie schon einige Gläser Whiskey zu viel intus, um noch bei klarem Verstand zu sein. Wie musikalisch dies von Marie-Eve Signeyrole an der Opéra national du Rhin inszeniert ist, verrät ein Blick in die Partitur. Auch Camille Saint-Saëns, der Schöpfer von «Samson et Dalila», «tigert» in Sekundschritten zwischen den Tonarten umher, von B-Dur nach H-Dur, von a-Moll zu b-Moll, von C-Dur zu Des-Dur (der Haupttonart des Verführungs-Andantinos «Mon ...

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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten

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