Die nackte Gewalt
Der Anfang ist eigentlich schon das Ende. Ein Mann im schwarzen Anzug, allein und einsam auf weiter, weißer Flur (Bühne: Klaus Grünberg). Wir ahnen, es ist der Titelheld, jener legendenumsponnene Pharao, der im 14. Jahrhundert v. Chr. eine Zeitlang über Ägypten herrschte und von dem man wenig mehr weiß. Und selbst dieses Wenige hüllt seine Gestalt mehr in Nebel, als dass sie seinen wahren Charakter offenbaren würde. So tief der Brunnen der Vergangenheit ist, so tief muss man auch schürfen, um Echnaton auf die Spur zu kommen. Seiner Gestalt, seinem Wesen, seinem Schicksal.
Barrie Kosky versucht es in seiner Inszenierung von Philip Glass’ Musiktheater «Akhnaten», dem letzten Teil einer Personen-der-Weltgeschichte-Trilogie (nach «Einstein on the Beach» und der Gandhi-Oper «Satyagraha»), erst gar nicht. Mit dem Gespür des klugen, phantasiebegabten Regisseurs entscheidet er sich dafür, Echnaton als Epiphanie zu zeichnen, als Symbol, Alle -gorie, als Fiktion seiner selbst. Das ist schon deswegen einleuchtend, weil man eine geschlagene Dreiviertelstunde warten muss, bis Countertenor John Holiday den ersten Ton singt. Vorher ist er, wie die meisten anderen Figuren, Teil einer Zeremonie, ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten
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