Die Leuchtkraft der Wahrheit
Dieses Opus, diesen Komponisten hatte bis vor Kurzem so gut wie niemand auf dem Schirm: «Guercœur» von Albéric Magnard. Erst zwölf Jahre nach Magnards Tod – er wurde 1914 von deutschen Soldaten erschossen, als er sein Haus verteidigen wollte – erklang die «Tragédie en musique» des Einzelgängers, der den Pariser Kultursalons stets fern geblieben war, zum ersten Mal. Um sogleich wieder zu verschwinden.
Auch ein Wiederbelebungsversuch auf CD unter Michel Plasson 1986 konnte das zwischen barockem Welttheater und Mysterienspiel oszillierende Werk nicht als feste Repertoiregröße etablieren. Nun hat das Theater Osnabrück eine szenische Uraufführung riskiert, deren exemplarische Qualität alle Zweifel an der Bühnentauglichkeit des Stücks zerstreut
Es wird schon so sein, dass einige Häuser, die größer sind als Osnabrück, nun «Guercœur» ansetzen. Im Grunde gehört ein Stück von solchen inneren und äußeren Dimensionen auf den Spielplan der Salzburger Festspiele, am besten in die Felsenreitschule, so wie jetzt «Œdipe» von Enescu, vorher Reimanns «Lear», Rihms «Eroberung von Mexiko» oder der «Saint François» von Messiaen. Mit solchen Stücken hat «Guercœur» den Anspruch gemeinsam. Es geht ums ...
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Opernwelt Jahrbuch 2019
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 44
von Stephan Mösch
Um griffige Formulierungen zur Beschreibung komplizierter Sachverhalte war Alexander Kluge nie verlegen. Seine Definition der Oper als «Kraftwerk der Gefühle» bringt auf den Punkt, was diese komplexeste Variante der darstellenden Künste von Schauspiel, Tanz, Konzert und Performance unterscheidet. Es ist das Zusammenspiel der Kräfte, mit der in Klang, Farben, Licht...
Wenige Produktionen klingen so stark und so lange nach wie die Salzburger «Salome». Dass die Energien und Konturen der Musik geradezu sichtbar wurden, hat wesentlich mit dem labyrinthisch offenen Schauspiel zu tun, das Romeo Castellucci in der Felsenreitschule für Strauss erfand. Überhaupt entpuppt sich die faszinierend rätselhafte Bühnensprache des aus der...
Lange hat sich Manfred Eicher, Gründer und Chef des renommierten Münchner ECM-Labels, vehement dagegen gewehrt, CDs aus seinem Haus im Netz zugänglich zu machen. Weil er sie als Gesamtkunstwerke aus Klang, visueller Gestaltung und Text versteht. Vor zwei Jahren gab er das Prinzip auf – ihm war klar geworden, dass die Tage der physischen Tonträger gezählt sind. Das...
