Die kahle Königin
Zwei Königinnen. Durch beider Adern fließt, wiewohl in unterschiedlicher Konsistenz, kobaltblaues Tudor-Blut, mithin der uneingeschränkte Wille zur Macht. Viel mehr als diese Neigung aber verbindet die Frauen nicht. Weder der Glaube (sei es der an Gott, den Allmächtigen, ans Leben selbst oder an die Liebe) noch die Weltanschauung. Maria Stuart, Schottlands katholische Throninha -berin, und Elisabeth I., Englands protestantische Herrscherin (der jedoch, als Tochter Heinrich VIII.
und Anne Boleyns, der Makel anhaftet, ein «Bastard» zu sein), haben nur eine einzige Gemeinsamkeit: abgrundtiefe Verachtung füreinander. Da ist nur ein wesentlicher Punkt, der ihre Beziehung ins Ungleichgewicht bringt: Die eine ist die Gefangene der anderen. Seit 18 Jahren vegetiert Maria Stuart auf Schloss Fotheringhay in einem schäbig-dunklen Kerker, während ihre Kontrahentin im fernen Westminster Palace mit eiserneisiger Hand regiert. Glücklich ist darüber allerdings keine von ihnen. Maria Stuart, die Wild-Widerspenstige, dreimal Verwitwete, weil sie nichts mehr liebt als die Freiheit; Elisabeth I., die Kühl-Distanzierte, lebenslang Unvermählte, weil sie Angst vor der anderen hat, und weil sie nicht ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Jürgen Otten
Der epochale französische Pianist Alfred Cortot fügte in seiner «Studien-Ausgabe» der Chopin-Préludes allen 24 Stücken poetisierend charakteristische Deutungen bei. Er tat dies aus dem Geiste der «schwarzen» Romantik: exaltiert, depressiv, apokalyptisch – abgründig angesiedelt zwischen Berlioz und Baudelaire. So heißt es etwa über das «Regentropfen»-Prélude: «Aber...
Was für ein famoses Experiment der Satire: Florian Leopold Gassmann wendet die Typenkomödie der Opera buffa, wie sie im Stegreiftheater der Commedia dell’Arte vorgebildet ist, auf die tragischen Heldengeschichten der Opera seria an. Letztere war anno 1769 zur Uraufführung von Gassmanns Satire «L’Opera Seria» am Burgtheater schon arg in die Jahre gekommen. Gluck...
In der jüngeren Vergangenheit ist Bergs «Wozzeck» häufig als hyperrealistisches Prekariats-Drama inszeniert worden. Christiane Iven, die einst selbst als Marie auf der Bühne stand, distanziert sich in ihrer nunmehr zweiten Regiearbeit am Anhaltischen Theater Dessau (im Rahmen des Kurt Weill Fests 2025) bewusst von diesem Trend. Sie setzt auf Stilisierung und...
