Dialog ist alles
Erinnern wir uns. Es war ein heißer Augusttag des Jahres 2018 in Salzburg, man konnte froh sein, dass im Haus für Mozart die Klimaanlage funktionierte. Ein bisschen mulmig konnte einem trotzdem zumute werden angesichts dessen, was sich auf der Bühne ereignete.
Jan Lauwers hatte sich Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» vorgenommen und anscheinend den erklärten Willen, die ganze Welt in Schwindel zu versetzen – mit «Szenen wie in der Sixtinischen Kapelle», so der belgische Regisseur, der mit seiner Needcompany zuvor vor allem mit Tanztheater-Produktionen für Furore gesorgt hatte. Ähnliches gelang ihm auch mit dieser bildmächtig-bewegungsintensiven Inszenierung. Drei Stunden lang drehten sich Tänzerinnen und Tänzer, einander abwechselnd, auf einem Gemälde, das Michelangelo nachempfunden war, auf einem kleinen Podest, wie Brummkreisel – «solistisch, solipsistisch, autistisch», wie der Korrespondent der «Opernwelt» seinerzeit süffisant anmerkte.
Das Auge war also schwer beschäftigt. Dass dennoch die Musik als Siegerin vom Platz ging, lag an einer Sängerinnen- und Sängerbesetzung, die glorreicher (und kostenintensiver) wohl kaum hätte sein können: Sonya Yoncheva verkörperte mit ...
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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten
Mit einer einzigen Geste ist Caroline Unger, die 1824 bei der Uraufführung von Beethovens Neunter die Alt-Partie sang, in die Musikgeschichte eingegangen. Sie soll den ertaubten Komponisten zum Publikum umgedreht haben, damit er den Beifall, wenn schon nicht hören, so doch wenigstens sehen konnte. Bereits 1821 hatte Unger in Wien in Rossinis «La gazza ladra»...
Skandal! In großen Lettern stand das Wort im Raum, seit eine Zürcher Sonntagszeitung ans Licht gebracht hatte, dass am Opernhaus Zürich vor der Premiere von Alfred Schnittkes Oper «Leben mit einem Idioten» massiv in Libretto und Partitur des Stücks eingegriffen worden sei. Der Schuldige war rasch ausgemacht, es war der Regisseur Kirill Serebrennikov, der dafür...
Wie konnte es sein, dass nach John Eliot Gardiners Pioniertat von 1987 in Lyon und beim Festival d’Aix-en-Provence, die Glucks erster französischer Oper messerscharfe Konturen und (durch einige rustikale Kürzungen der Divertissements) eine Dramaturgie aus dem Geist der Opernreform verliehen hatte, Riccardo Muti 2002 in Mailand noch einmal ein groß besetztes...
