Der Wirklichkeit enthoben
Worüber man im wahren Leben tunlichst schweigen sollte, davon lässt sich im Märchen trefflich erzählen. Und während Kinderfabeln mit ihren idealen Prinzessinnen und Königen als (Arche-)Typen des «Es war einmal» und «... dann leben sie noch heute» ihre zeitlosen Wahrheiten verkünden, gleichen Märchen für Erwachsene fast immer heimlichen Zeitstücken.
Die geraten allerdings mitunter affirmativ, etwa wenn Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in der «Frau ohne Schatten» mitten in einem seinen Humanismus korrumpierenden Europa des Ersten Weltkriegs anno 1917 das Hohelied der Gattenliebe singen. Direkt nach dem Weltenbrand fragt Walter Braunfels 1920 in seiner Aristophanes-Adaption «Die Vögel» wiederum mythenverschwurbelt (aber auch selbstkritisch die dionysische Entgrenzung reflektierend), ob künstlerischer Eskapismus eine Antwort auf den Untergang sein könnte oder Weltenflucht nicht ihrerseits zum Weltverlust führt.
Engelbert Humperdinck, der Meister der in die Romantik des orchestralen Wagner-Walds verlegten Kinderoper «Hänsel und Gretel», schuf mit den «Königskindern» 1909 seinen Schwanengesang als utopisch aufgeladenen Abgesang auf die Märchenoper und postulierte auf des ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 10
von Peter Krause
Ach, die glückliche Schweiz. Hat die Opernhäuser später zugesperrt als Deutschland, nämlich im Dezember, und machte sie auch früher wieder auf, wenn auch mit radikal beschränkten Zuschauerzahlen. Aber noch wichtiger ist, was sie spielen: Im Mai konnte man in einer Produktion des Zürcher Opernhauses ein hochinteressantes Regiedebüt erleben. Und in St. Gallen ein...
Ich war zehn. Ich dürfe, sagte mein Vater, meine Mutter abends in die Operette begleiten: Abonnement-Gastspiel des Städtebundtheaters aus Hof mit dem «Vogelhändler» von Carl Zeller. Ich kannte die Musik, weil im elterlichen Hause viel Operette gehört wurde und, ja, ich mochte sie. Kurzum, ich freute mich auf meinen ersten abendlichen Theaterbesuch. Es sollte der...
Drei Frauen. Vereint im Leiden an der Welt, an der Liebe, an den Männern. Sämtlich suchen sie ihr Seelenheil im sehnenden, flehenden Gebet, für das Giuseppe Verdi und Pietro Mascagni ihnen die ergreifendste Musik auf die Stimmbänder geschrieben haben; eine Musik, die in dünner Höhenluft schwelgt und schwelt, und das, wenn man so will, chromatisch ansteigend. Verdis...
