Der Welt entrückt
Für Richard Wagner war die Sache einfach: «Wahn, Wahn, überall Wahn.» Beim Blick auf die Welt möchte man ihm beinahe zustimmen. Doch ganz so leicht ist es eben letztlich nicht. Es gibt Unterschiede. Feine Unterschiede. Sie betreffen die Wahrnehmung dessen, was mit dem Topos «Welt» beschrieben ist. Diese Welt ist ja nicht nur die Welt für alle und niemanden (wie Heidegger sagt), sie ist zugleich so unpersönlich, dass es sehr darauf ankommt, wie man sie anschaut.
Während das sogenannte «normale» Subjekt sich den Konta -minationen durch rationale Entscheidungen zumindest in Teilen entziehen kann, sieht sich im psychotischen Wahn die Spannung zwischen den partikulären und den allgemeinen Bedeutungen aufgehoben; an die Stelle der gewöhnlichen tritt die symbolische Ordnung. Die Realität, wie sie erscheint, wird von denjenigen, die diese Spannung nicht mehr spüren, verworfen, an ihre Stelle tritt eine neue Realität.
Die Welt der Oper ist voll von diesen Individuen; und da noch im 19. Jahrhundert 99 Prozent der Werke von Männern geschrieben wurden, darf man sich nicht wundern, dass die meisten dieser «verrückten» Individuen weiblich waren. Was gab es Geeigneteres, um die erhoffte Wirkung ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 35
von Virginie Germstein
Mozarts «Zauberflöte» musste sich seit jeher die widersprüchlichsten Deutungen ihrer angeblich verborgenen Botschaft(en) gefallen lassen. Ist sie für die einen nur ein geradezu unsinniges, unlogisches, sich in seinen Widersprüchen verhedderndes «Machwerk», so für die anderen – zuletzt exemplarisch in Jan Assmanns großem, 2005 erschienenem «Zauberflöte»-Buch – ein...
Wie Walhall tatsächlich aussieht, das wissen wir nicht. Es muss komfortabler sein als die Jurten, in der die Götter bislang hausten, vielleicht ist es aus Stein. Und auch am Ende, Millionen Jahre später, wenn Wotans Sippe ihre Felle längst gegen Anzüge und Kleider getauscht hat, bleibt der ersehnte Bau im Dunkeln. Ein paar siechende Rollstuhlfahrer sieht man hier...
Leonhard Franks 100 Jahre alte Erzählung «Karl und Anna» dreht sich um einen Identitätsschwindel, der so radikal ist, dass er praktisch die Realität transformiert. Karl, der in ferner Kriegsgefangenschaft von dem Mitsoldaten Richard monatelang die Geschichten über dessen Frau Anna angehört hat, ist bereits in diese verliebt, als er sich nach seiner Flucht zu ihr...
