Der Welt entrückt
Für Richard Wagner war die Sache einfach: «Wahn, Wahn, überall Wahn.» Beim Blick auf die Welt möchte man ihm beinahe zustimmen. Doch ganz so leicht ist es eben letztlich nicht. Es gibt Unterschiede. Feine Unterschiede. Sie betreffen die Wahrnehmung dessen, was mit dem Topos «Welt» beschrieben ist. Diese Welt ist ja nicht nur die Welt für alle und niemanden (wie Heidegger sagt), sie ist zugleich so unpersönlich, dass es sehr darauf ankommt, wie man sie anschaut.
Während das sogenannte «normale» Subjekt sich den Konta -minationen durch rationale Entscheidungen zumindest in Teilen entziehen kann, sieht sich im psychotischen Wahn die Spannung zwischen den partikulären und den allgemeinen Bedeutungen aufgehoben; an die Stelle der gewöhnlichen tritt die symbolische Ordnung. Die Realität, wie sie erscheint, wird von denjenigen, die diese Spannung nicht mehr spüren, verworfen, an ihre Stelle tritt eine neue Realität.
Die Welt der Oper ist voll von diesen Individuen; und da noch im 19. Jahrhundert 99 Prozent der Werke von Männern geschrieben wurden, darf man sich nicht wundern, dass die meisten dieser «verrückten» Individuen weiblich waren. Was gab es Geeigneteres, um die erhoffte Wirkung ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 35
von Virginie Germstein
Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht? Einmal abgesehen davon, dass Heinrich Heine, als er diese berühmten Verse zu Papier brachte, in erster Linie an seine ferne Mutter dachte und erst in zweiter an die verlorene Heimat, steht es um dieses Land, zumindest was die Künste angeht, nicht gar so schlecht (und vor allem nicht so schlecht,...
Es läuft nicht immer alles nach Wunsch. Auf dem Papier war es ein Krönungsabend für die Sonnambula unseres Jahrhunderts; ein Abend, der die großen Nachtwandlerinnen der Vergangenheit vergessen machen sollte, von Giuditta Pasta über Maria Callas bis zu June Anderson. Und ja, Lisette Oropesa hat alle Voraussetzungen, um mit den genannten Göttinnen zu konkurrieren....
Wie in Deutschland, so stand auch in Frankreich das Orchesterlied stets im Schatten des klavierbegleiteten Sololieds, der mélodie. Héctor Berlioz war der Erste, der 1856 die Orchesterversion seiner «Les nuits d’été» einer musikalischen Feinarbeit unterzog, die sich vom Operngesang mit seinen kräftigeren instrumentalen Pinselstrichen meist deutlich abhebt. Dieser...
