Der Weg ins Freie
Nach 66 Minuten fängt das Leben an. Das Leben in Freiheit, als lange schon gehegter Wille und Wunsch. Eine Tür wird zur Seite geschoben, Luft (von anderen Planeten?) strömt herein, nur eine Jalousie versperrt noch den Weg ins Licht. Doch just in diesem Augenblick endet alles: die Musik, die Worte und Stimmen, der Gesang, die Bewegung. Und plötzlich wirkt die Große Ausstellungshalle in der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg seltsam unbelebt, wirken auch die Protagonisten dieser Aufführung seltsam erstarrt.
So als sei die Möglichkeit von Freiheit gleichbedeutend mit totaler Ungewissheit.
Beethovens «Fidelio» war da entschiedener, eindeutiger, der C-Dur-Jubel am Ende buchstäblich entfesselter. Doch es war klar, dass ein Musiktheater, das sich zum 250. Geburtstag des Meisters mit seiner einzigen Oper beschäftigt, dies nicht eins zu eins abbilden würde. Schon der Titel deutet Distanzierung durch Befragung an: «Wir sind so frei #1» will, als Auftakt zu einer Trilogie der Kompagnie Novoflot, Echo zu Beethovens Freiheitsoper sein, Übermalung, Kommentar und nicht zuletzt auch ironischer Beitrag zur Festkultur.
Allein der Stelen-Archipel aus monadischen akustischen Quellen, den ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Jürgen Otten
Alles ist hier Überbietung. Hatte 1702 André Campra im ersten Akt seines «Tancrède» eine von gleich zwei duettierenden tiefen Männerstimmen angeführte große Schwur-und Racheszene auf die Bühne gebracht, die im Eklat einer Totenbeschwörung kulminierte (der Zauberer Isménor lässt die verstorbenen Sarazenenkönige aus ihren Gräbern steigen und gibt damit das...
Ziemlich fies sind diese Nonnen zueinander, zumal dann, wenn eine von ihnen es wagt, eine Ahnung der eigenen Körperlichkeit, womöglich gar unerlaubte Gelüste des Eros zu entwickeln. Das Keuschheitsgelübde aufzuweichen, zieht härteste Strafen nach sich. Das scheinbar so menschenfreundliche Matriarchat braucht Macht so sehr zum Überleben wie das Pendant des...
Ältere Semester werden sich noch erinnern, dass Wagnerianer schon die Nase rümpften, wenn mittlere Opernhäuser sich an die Tetralogie wagten. Inzwischen ist «Der Ring des Nibelungen» selbst an kleineren und kleinsten Bühnen angekommen – in Bayern aktuell am Mainfranken Theater Würzburg sowie an den Landestheatern Coburg und Niederbayern, die sich der...
