Der verflixte Kanon

Bernd Asmus, Claus-Steffen Mahnkopf und Johannes Menke denken über «Schlüsselwerke der Musik» nach

Opernwelt - Logo

Es gibt einen Solitär unter Mozarts Liedern: «Die Alte» – original in e-Moll, «Ein bischen durch die Nase» zu singen. Eine Parodie, wenn nicht Karikatur. Eine betagte Dame der besseren Gesellschaft stimmt das unverwüstliche Lamento an: wie gut doch alles früher war und wie schlimm die Gegenwart. Ein Gespenst, das auch in vielen kulturpessimistischen Tiraden umgeht, das Gespenst des «Kanons».

Es schwebt über allen möglichen ästhetischen, pädagogischen, kulturpolitischen Debatten, signalisiert scheinbar unverrückbar, was «man»  gelesen, gehört, gesehen, gespielt haben sollte. Nur: Natürlich variiert Kanonisiertes in Zeit und Raum erheblich. Mussten Schüler einst die deutschen Kaiser und lange Schiller-Balladen auswendig lernen, so galten damals «Così fan tutte», «Idomeneo», oder «La clemenza di Tito» keineswegs als Standard, und niemand spielte Schubert-Sonaten. Das Repertoire ähnelt einer Blase, die sich unaufhörlich dehnt und verengt, Aspekte fokussiert oder negiert. Und was als bildungsbürgerlich verpflichtende Norm galt, ist heute weit weniger gültig. Im Blick auf das Beethoven-Jahr 2020 lässt sich feststellen, dass der Komponist, Inbegriff «erhabener» Klassik, nicht mehr per se ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Zeitlos wertvoll

Dass die Archive der BBC noch viele vergessene Schätze bergen, erweist sich ein weiteres Mal mit der Veröffentlichung von Aufnahmen der Weber’schen «Euryanthe» (1955) und Mozarts «Le nozze di Figaro» (1961). Die Aufzeichnung von Carl Maria von Webers romantischer Oper – der Musik wegen heiß geliebt, des abstrusen Librettos wegen kaum auf der Bühne zu erleben – war...

In allen Nuancen

Zahlreiche Sololieder, darunter viele Mehrfachvertonungen, hat Franz Liszt geschrieben, insgesamt 127. Sie sind weitgehend unbekannt, wie ja überhaupt der musikalische Kosmopolit Liszt unter den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts der am wenigsten populäre sein dürfte. Wie die Klavierwerke fordern die abseits der Gattungsentwicklung stehenden Lieder von den...

Grüße aus Frankfurt

Ein Filialunternehmen? Dieses Gefühl möchte er den Inntalern natürlich nicht geben, sagt Bernd Loebe. Und doch fühlt, sieht und hört sich das sehr hessisch an, was in seinem ersten Programm bei den Tiroler Festspielen zu erleben war. Fast alle, ob Solisten, Dirigenten oder Mitglieder der Regie-Teams, haben irgendeine Beziehung zu Loebes Frankfurter...