Der Mythos lebt
Die im Schloss Rheinsberg residierende Kammeroper hat in den über drei Jahrzehnten ihres Bestehens stets für beste Unterhaltung gesorgt. Sie hat junge Talente entdeckt, vergessene Opern revitalisiert und zeitgenössische in Auftrag gegeben. Rheinsberg ist immer für eine Überraschung gut, aber dass in der Ruppiner Provinz einmal Vivica Genaux zu er -leben sein würde, noch dazu in einer auf Deutsch gesungenen Gluck-Oper, das hätte man dem utopiefeindlichen Preußen niemals zugetraut. Und doch geschah es jetzt.
Das Koloraturwunder aus Alaska sang erstmals die Klytämnestra, eine koloraturfreie Partie. «Iphigenie in Aulis» wird dieser Tage 250 Jahre alt, ebenso das von Prinz Heinrich, dem kleinen Bruder des großen Friedrich, geschaffene Rheinsberger Schlosstheater, wo man seinerzeit auch schon Glucks Pariser Erfolgsdrama gespielt hatte.
Beide «Iphigenie»-Opern werden selten gespielt, dafür gibt es verschiedene Gründe. An einem ist der Komponist unschuldig: Die dramatische Wucht dieser Stücke lässt sich – anders als der Lyrismus Händels – auf sogenannten Original -instrumenten kaum darstellen. Das Concerto Brandenburg bewies es gleich in der Ouvertüre, die hier nicht nach griechischer ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Volker Tarnow
Der «Lear» machte ihn 1978 schnell berühmt. Nicht nur durch die Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper: Es waren kleinere Häuser wie Düsseldorf, Nürnberg und Oldenburg, in denen diese Oper sofort fesselte. Nahezu haptisch greifbare Cluster, Akkordwände, die scharf kontrastieren zu äußerster melodischer Verdichtung, Einsamkeit, Innigkeit: Aribert Reimann schrieb...
Die Hoffnung stirbt nie. Selbst im Angesicht des nahenden Todes nicht. Hören kann man es in Leonoras Doppel-Arie zu Beginn des siebten Bildes von Verdis «Il trovatore». Schwebt das Unheil im schwermütigen f-moll-Adagio «D’amor sull’ali rosee» (Auf den rosigen Flügeln der Liebe) noch wie ein Damoklesschwert über der schicksalsträchtigen Beziehung der jungen Frau zu...
Marc-Antoine Charpentier, der große Konkurrent Jean-Baptiste Lullys und bedeutendste Kirchenkomponist des französischen Barock, ist hierzulande nach wie vor ein Geheimtipp. Lullys Alleinherrschaft über die Pariser Académie royale de musique verwehrte ihm die Opernbühne und überließ ihm nur den Nebenschauplatz der Bühnenmusik zu Molières Theaterstücken. Sein...
