Der doppelte Spiegel

Johannes Erath durchleuchtet «Les Contes d’Hoffmann» an der Dresdner Semperoper mit psychologischer Präzision, Frédéric Chaslin wählt für Offenbachs Meisterwerk einen resolut-rustikalen Zugriff

Die Frau, wir kennen sie. Stella, der Stern. Hoffmanns Idealgeliebte. Real erscheint sie nicht, nur als Phantasmagorie, als flammende Erinnerung des Dichters. Nach ihr sucht er, aber sucht er nicht vielmehr nach sich selbst? Es ist beides. Mit der Erzählung will er ihr nahekommen. Sie zurückerobern aus den Fängen der Gesellschaft, die sie unter ihrem Applaus verbirgt. Und so steht da eben Eric Cutler, dieser souverän, expressiv singende Tenor, und umfängt, anstelle Stellas, weiße Seide, die dreierlei ist: Hochzeitskleid, Primaballerina-Kostüm, Ballrobe.

Vieles erscheint als Trias in diesem Stück, das als nachgerade musikalisch-philosophisches Resümee eines Lebens gelten darf, das danach trachtete, sich selbst in ein Kunstwerk zu verwandeln. Drei Stufen ein und desselben Raumes gibt es: eine Wirklichkeit, zwei Spiegelbilder. Vorne Hoffmanns Erzählraum. Dahinter der Projektionsraum für Assoziationen. Auf der dritten Ebene agiert meist das Volk (der vokal wie darstellerisch exzellente Sächsische Staatsopernchor), doch nicht starr. Wenn das Geschehen sich zuspitzt, schwemmt die Masse ihren Körper in Hoffmanns Welt hinein.

Diese Welt sieht sich beschrieben als Ort der rückwärts ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Diskrete Erotik

Auf deutschen Bühnen begegnet man Maurice Ravels einaktiger musikalischer Komödie «L’heure espagnole» (1911) vergleichsweise selten, auf Tonträgern ist sie jedoch eindrucksvoll repräsentiert. Eine erste Gesamtaufnahme, die vom Komponisten selbst beaufsichtigt wurde, erschien bereits 1929, nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich Dirigenten-Koryphäen wie René...

Personalien, Meldungen

JUBILARE

Mary Violet Leontyne Price wurde 1927 in Laurel/Mississippi geboren und begann ihre musikalische Ausbildung mit Klavierunterricht und als Sängerin im Kirchenchor. Nach dem Studium der Musikpädagogik wurde sie an der New Yorker Juilliard School angenommen und studierte bei Florence Ward Kimball Gesang. Hier war die Sopranistin auch in ihrer ersten...

Liebesflöte, Wangenröte

In einem Interview mit dem Berliner «Tagesspiegel» hat Barrie Kosky bereits 2013, kurz nach seinem Amtsantritt als Intendant der Komischen Oper, den Dreisatz verraten, mit dem er die in Deutschland so schlecht beleumundete Operette zu neuem Leben erwecken will: «Du musst den Stil lieben, du musst die Stücke mit Stars besetzen, und du musst dich darauf ...