Der Blick zurück
Wir vernehmen die schwer auf ihrer Seele lastenden Atemzüge einer Sterbenden: Die noch junge Frau ringt sie sich mit Hilfe eines Sauerstoffgeräts ab – bevor man im Graben jene schwervernebelten Streicherklänge des Vorspiels zum dritten Akt vernimmt, die von baldiger Erlösung zu künden scheinen. Und weil Violettas Verlöschen zum Längsten gehört, was Verdi je für seine tragischen Frauengestalten ersonnen hat, stimmt sie ihr «Addio del passato» schon jetzt an.
Ein letztes Mal hängt die Kurtisane den goldenen Träumen von der Liebe nach, um dann im historischen Perfekt des «tutto finì» ihr Leben als abgeschlossen zu bezeichnen.
In der Genfer Neuinszenierung ist die zweite Strophe dieser Abschiedsromanze dem Abend wie ein Prolog vorangestellt: «La Traviata» wird damit im Grunde als Rückblende erzählt. Violetta schaut im Angesicht des Todes auf die Stationen, die zentralen Bilder ihres Lebens und auf sich selbst zurück. Karin Henkel inszeniert die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen; ein Phänomen, das zumal Menschen mit Nahtoderfahrungen kennen. Die Regisseurin setzt dazu auf die Drastik einer feministischen Sichtweise. Am Anfang ihres Erinnerungsstroms steht ein Kindheitstrauma: ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Peter Krause
Die Schweizer Sprache hält einige Besonderheiten bereit, die man von außen her doch eher amüsiert betrachtet. Dazu zählt auch, neben der charmanten Begrüßung «Grüezi» und der flotten sportlichen Anfeuerung «Hopp Schwyz» auch der Begriff des «Redaktors», der bei Weitem nicht so charmant klingt wie das hochdeutsche «Redakteur», dieser eher prosaischen Tätigkeit aber...
Stimmengewirr und Sirenengeheul, dazwischen Fetzen von Musik: So klingt Neuköllner Lokalkolorit, so klingt der Auftakt eines Theaterabends an der Neuköllner Oper. Dann plötzlich Stille. Eine Geschichte beginnt. Es ist die Geschichte des Zirkus Navara, der in die Stadt kommt und ihre Bewohner für einen Augenblick verzaubert: In Haus 7 fängt ein Stummer an zu singen....
Io moro!», seufzt Sara – und sinkt mit einer lakonischen Orchesterkadenz ohnmächtig zu Boden. Man kann sie verstehen: In Metastasios oft vertontem Oratorienlibretto bleibt der Erzmutter des Volkes Israel wirklich nichts erspart. Und in dieser Produktion des «Isacco» der Komponistin Marianna Martines (1744–1812) noch weniger.
Die Genesis lässt es offen, aber...
