Verhängnisvolle Leidenschaften

Mit dem Pasticcio «Hotel Metamorphosis» gelingt Barrie Kosky und seinem Dramaturgen Olaf A. Schmitt bei den Salzburger Pfingstfestspielen ein kleines Opernwunder

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Woll- oder Leinenfäden werden an diesen Arbeitsplätzen nicht mehr versponnen. Dafür gibt es Kabel: Die quellen über Schreibtische, während die beiden Damen auf ihren Tastaturen hämmern, um immer neue Avatare zu erzeugen: Webkunst 2.0. Wir sind über Ovids Antike schließlich hinaus. Dazu wird gesungen, hanebüchen Schweres von Antonio Vivaldi. Ein Showdown, hier Göttin Minerva, dort die sie herausfordernde Arachne. Eine davon vergisst für wenige Augenblicke ihre gute Erziehung, barocker Zierrat driftet fast in den Schrei.

Cecilia Bartoli kann sich das erlauben, auch in der Höchstdramatik behält sie wie immer die Kontrolle über ihren kostbaren Stimmapparat. Vor allem aber kann sie gönnen. In dieser Szene hat Minerva vokal die Nase vorn. Die wird verkörpert von Nadezhda Karyazina, mit Diven-Aplomb und reichen Mezzoklängen kurvt sie durch einen eng gesteckten Ton-Parcours. Dass sich die Bartoli umgibt mit (fast) gleichwertigen Kolleginnen und Kollegen, gehört mittlerweile fest zu den Salz -burger Pfingstfestspielen. Und auch, dass sich die Chefin jedes Jahr ein wenig neu erfindet. Anno 2025 mit dem Pasticcio «Hotel Metamorphosis», fünf Geschichten Ovids werden verklammert. Keine notdürftig verlötete Hitparade für Stars ist das, die à la Baroque mit ihren Kofferarien glänzen dürfen. Barrie Kosky ist tatsächlich ein kleines Opernwunder gelungen. Mit Dramaturg Olaf A. Schmitt hat er 45 (!) Vivaldi-Nummern zum Zweiakter plus Prolog verbunden. Eine intelligent, schlüssig und hintergründig zusammengestellte Reihe. Arien, Chöre, Duette, Sätze aus Concerti. Kaum einmal Gespieltes, aber auch Schlager wie «Agitata da due venti» aus «La Griselda», einst war das eine Signetnummer von La Bartoli. Im Haus für Mozart wird sie nun gesungen von Lea Desandre – nicht mit Koloraturenrattern, sondern geschmeidig, fast lasziv.

So muss es auch klingen, weil diese Myrrha ihren Vater sexuell begehrt. Der hat bei Kosky und Bühnenbildner Michael Levine gerade im Fünf-Sterne-Hotel eingecheckt – sein Zimmer ist der subtil veränderte Einheitsraum für den vierstündigen, kurzweiligen Abend. Papa ist, eingekleidet von Klaus Bruns, ein stummer, fitnessgestählter Business-Typ, der keine Augen und keinen Sinn hat für Zuneigung, bis er betrunken ins Bett taumelt und von der Tochter verführt wird. Nur ein paar umgestellte oder neu hereingeholte Möbel braucht es für die fünf Ovid-Geschichten. Über dem zentralen Bett hängt stets das passende Sagengemälde, das dank der feinen Videotechnik von «rocafilm» verschwimmt und zusätzlich auf Zwischenvorhänge projiziert wird.

Zusätzliches verbindendes Element ist eine Erzählerin, die als (Rilke und Ovid rezitierender) Orpheus auch Teil der Handlung ist. Angela Winkler gibt ihn in weiblicher Ausführung als wunderliche Alte. Man gewöhnt sich nur schwer an ihren irritierend spätherbstlichen Mädchenton, es ist das einzige Problem des Abends. Der kommt ansonsten aus mit einem Vokalquartett: Die Bartoli, ob als Arachne oder Euridice, bewegt sich erneut zwischen Mezza-voce-Zaubereien und Koloraturensprints. Dass die Bitterstoffanteile größer geworden sind, macht nichts, es hilft vielmehr bei der Charakterisierung. Nadezhda Karyazina, eben noch bei den Salzburger Osterfestspielen in «Chowanschtschina» eine umjubelte Marfa, wiederholt ihren Erfolg in einem ganz anderen Fach – und verblüfft deshalb umso mehr. Lea Desandre ist das Chamäleon der Aufführung, sie bewegt sich zwischen wunderfeinem Zärteln und – ein Kabinettstück – virtuosem Dauer-Giggeln als Echo. Hier trifft sie auf Philippe Jaroussky, der dem Narcissus staunenswerte, klanglich klug abgeschmeckte Zwischentöne abgewinnt.

Kosky zeigt ihn als früh Ergrauten im Pyjama, dem zwei stumme Zwillingswunschmänner begegnen. Keine Augen, kein Ohr hat er für die ihn umgarnende Nymphe. Humor, surreale Erotik und sachte Sozialkritik überlagern sich in dieser grandios entwickelten Episode. Dieser Narcissus ist ein Bild für eine sich an sich selbst berauschende, patriarchalische Gesellschaft. Nur dass Kosky dafür nicht den Zaunpfahl, sondern das Feinbesteck auspackt. Dieses doppel- bis dreifachbödige «Hotel Metamorphosis», das bei den Sommerfestspielen wiederaufgenommen wird, ist viel mehr als nur «Menschen im Hotel». Wer aus Eigennutz und (Eigen-)Liebe den Lauf der Dinge beeinflusst, davon berichtet Ovid immer wieder, dem nehmen die Götter und die Natur es übel. Tod, mindestens Verwandlung wie Myrrha in einen Baum, so lautet das Urteil.

Auch Pygmalion gehört zu den Sündern; als antiker Frankenstein erschafft er sich zwar kein Monster, dafür aber eine attraktive Frau. Bei Kosky und Jaroussky ist das ein linkischer Typ mit Schnauzer, Rautenpulli und zurückgegelter Frisur. Als der mit seiner Puppe ins Bett steigt, sie betatscht und küsst, erstirbt vielen das Lächeln: Das ist kein Opernsketch mehr, man verfolgt die Lüste eines Perverslings. Zwischen Augenzwinkern und Absturz bewegt sich diese Aufführung, die ohne Happy End auskommt. Rahmenhandlung ist die Geschichte von Orpheus und Eurydice. Otto Pichler, der sonst auf die Vivaldi-Concerti freche, hintergründige, hochtourige Choreographien erfindet, lässt seine Tanz-Crew mänadenhaft das Bett zertrümmern. Das Hotelzimmer fährt nach oben, Cecilia Bartoli alias Eurydice irrt durchs Dunkel und küsst als Schwester Salome das abgeschlagene Haupt des Orpheus.

Dazu rast es effektvoll im Graben, wo Gianluca Capuano wieder seine «Musiciens du Prince — Monaco» dirigiert. Kein Dompteur ist am Werk, sondern ein Ermöglicher, der auf exzellente Musikerinnen und Musiker vertrauen kann. Vor allem führt er vor: Vivaldi muss katholisch musiziert werden. Also lustvoll, gehaltreich, mit kräftigem Farbauftrag. So wie auch rund 20 Stunden später Monteverdis Marienvesper im Mozarteum. Ein Klangerlebnis, das wenig zu tun hat mit der Brillanz und blutleeren Virtuosität der Kolleginnen und Kollegen, sondern mit der Sinnenlust barocker Gemälde. Nächstes Jahr, zum runden Geburtstag der Chefin, ist das Ensemble wieder dabei. Mit, so wird geraunt, einer der berühmtesten und kompositorisch auch so gewollten Schlagerparaden der Opernhistorie, mit Rossinis «Il viaggio a Reims». 

Vivaldi/Ovid: Hotel Metamorphosis SALZBURG | PFINGSTFESTSPIELE | HAUS FÜR MOZART 
Premiere: 6. Juni 2025
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Michael Levine
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Franck Evin
Video: rocafilm
Chor: Jacopo Facchini
Solisten: Cecilia Bartoli (Eurydice/Arachne), Lea Desandre (Statua/Myrrha/Echo), Nadezhda Karyazina (Minerva/ Nutrice/Juno), Philippe Jaroussky (Pygmalion/Narcissus), Angela Winkler (Orpheus)


Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Markus Thiel

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