Das Leben selbst
In der ersten Pause dieses fünfstündigen Abends suchen einige Besucher das Weite. Das ist durchaus verständlich, vor allem, wenn man ganz unvorbereitet in die Aufführung geht: Eine Frau sitzt auf einem Leuchtturm und gebiert ein Kind. Und später noch eines. Davor betreten Heinzelmännchen und andere seltsame Gestalten die Bühne, singen und bewegen sich eigenwillig. Ferner gibt es eine flötende Rattenfängerin, die Teile der riesigen Kinderchöre entführen will, was ihr aber nicht recht gelingt.
Und ganz am Ende wundert sich ein kleiner Junge: «Was, das Publikum ist immer noch da?»
Willkommen im Kosmos Stockhausen, der mit dem «Montag aus Licht» eine Mischung aus Instrumentaltheater und Choroper schuf, inhaltlich vor allem Geburt und Fruchtbarkeit behandelt und seinen damaligen Lebensfrauen, der Flötistin Kathinka Pasveer und der Bassetthorn-Spielerin Suzanne Stephens, höchst Individuell-Intimes in ihre Instrumente schrieb. Wie wohl kein anderer Teil des «Licht»-Zyklus ist der «Montag» eine Hommage an Stockhausens Geliebte, aber auch an alle Frauen – und bisweilen bewusst etwas statisch.
Das Tohuwabohu um Geburten, den (eher mild) sinistren Luzifer und einen Haufen sagenhafter Figuren ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Jörn Florian Fuchs
Die Tonart verheißt wenig Gutes. Gevatter Tod blinzelt sardonisch grinsend um die Ecke, und nach nur vier Takten des Préludes ist der Absolutismus der Wirklichkeit einfach nicht mehr fortzudenken. Mehr und schlimmer noch: Er hat auf ganzer Linie gesiegt. Anders lässt sich der Gang der harmonischen Dinge zu Beginn von Massenets «Werther» kaum interpretieren: Von der...
Die Nachtigall singt. Aber so leise, so zärtlich, dass hinter ihrer gedämpften Stimme die Landschaft hervortritt, das Idyll, seine vage pneumatische Suggestion. «En sourdine», heißt das Kleinod, in dem sich diese Atmosphäre einer inneren wie äußeren Gemütsruhe beschrieben sieht, und nur ein Gabriel Fauré konnte es in dieser Manier komponieren – als eine stoische,...
Wer trotz allem lacht, verfügt im besten Falle über eine gehörige Portion jüdischen Humors, kann nicht nur der Vertreibung aus dem osteuropäischen Schtetl mit Komik begegnen, sondern sogar der Shoah. Das Lachen wird zum Mechanismus der Bewältigung des Bösen und des Überlebensgeistes selbst im Angesicht des Todes. In ihm begegnet die jüdische Kultur der Verzweiflung...
