Chance vertan
Verdis Meisterwerk «Nabucco» könnte sehr wohl den Untertitel «Die große Utopie» tragen. Es ist ein alttestamentarisches Sujet, wenngleich die Zeitgenossen des Komponisten den Gefangenenchor der Hebräer sogleich zur Widerstandshymne gegen die habsburgische Besatzung umfunktionierten. Regisseur Christian von Götz will die Oper nun auf ihren jüdischen Kern zurückführen. Noch vor dem ersten Ton lässt er von einer «Frau mit der Asche» (Verena Hierholzer) jiddische Texte des von den Deutschen im Krakauer Ghetto ermordeten Dichters Mordechaj Gebirtig rezitieren. Ein Missverständnis.
Im Unterschied zu dieser rund ein Jahrhundert vor der Vernichtung des europäischen Judentums entstandenen Oper lässt die Shoa keine Utopie mehr zu. Überhaupt stellt sich die Frage, warum deutsche Regisseure sich gezwungen fühlen, die Kultur des Judentums auf deren Vernichtung zu reduzieren. Da schlägt das Wohlmeinende ins viel zu kurz Gedachte um: Es geht in «Nabucco» dann doch um ganz anderes als den deutschen Schuldkomplex.
Das jüdische Volk sitzt auf Lukas Nolls Bühne in einer Bibliothek des jüdischen Wissens, die Nabuccos illegitime Tochter Abigaille mit Benzin aus einem Kanister abfackelt. Mit dessen ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Bernd Künzig
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