Bürgerliches Trauerspiel

Mariame Clément und Christophe Rousset decken in Rameaus «Castor et Pollux» am Theater an der Wien eine traumatische Familiengeschichte auf

Der Olymp liegt hinter einer Flügeltür. Oben auf der Galerie, zu der eine hochherrschaftliche Treppe führt, die das holzvertäfelte Vestibül symmetrisch in zwei Hälften teilt. Links und rechts neben der Tür hängen die Ahnen an der Wand. In Öl, ordentlich gerahmt. So entrückt wie der meist abwesende Patriarch (Jupiter), der, vom Treiben unten im Foyer hermetisch abgeschottet, die Geschäfte, seinen Clan und das Dienstpersonal (Chor) führt. Am Fuß der mit einem roten Läufer bespannten Stufen tollen der kleine Castor und der kleine Pollux. Lichtes Kinderglück.

Bis der Privatsekretär (Grand Prêtre) des Familienoberhaupts aus dem Portal tritt und mit einer stummen Geste Pollux hinaufzitiert. Castor muss draußen bleiben, auf dem Parterre, unter den mild lächelnden Augen der mütterlichen Erzieherin (Cléone). Einen Moment verharrt er reglos, verunsichert, haftet der Blick auf dem verschlossenen Eingang zum Sanktuarium des Vaters. Dann vergisst er sich wieder im Spiel – und ritzt mit einer Schere versehentlich die Haut. Blut rinnt über das Handgelenk. Pollux, von der Audienz zurückgekehrt, bemerkt die Verletzung sofort, prüft fragend, verwirrt die eigene unversehrte Hand. Ein Achselzucken – ...

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Opernwelt März 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
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