Beschädigung als Phänomen
Der Begriff «Belcanto» scheint auf vieles anwendbar – auch Hunde hat man schon so gerufen. Ihn wörtlich als Schöngesang zu übersetzen, ist unzureichend, denn eigentlich steht er für die haute cuisine der Gesangstechnik; im Vergleich dazu schmeckt das robuste Staudruck-Stemmen wie Currywurst. Zugleich repräsentiert dieser Begriff eine Periode der Musikgeschichte, in der solche Technik besonders gefordert war.
Mancher Sänger fällt gerade dort in die Fallgruben der Selbstgefälligkeit und bespiegelt sich in virtuoser Koloraturakrobatik.
Diese Gefahr wollte Diana Damrau in ihrem neuen Recital «Fiamma del Belcanto» unbedingt vermeiden. Es ging ihr nicht um «vokale Kunststückchen», erklärt das Booklet, sondern um Oper als Ausdruck einer inneren Wirklichkeit. Die Diva aus Günzburg, unterstützt durch das solide Orchester des Teatro Regio Torino unter Gianandrea Noseda, sucht die Brüche der Charaktere, die Verwerfungen der Seele auszuleuchten. Sie seziert mit Aplomb und vokaler Brillanz Frauenfiguren, die alle irgendwie beschädigt sind. Auch die nicht als typische Repräsentantinnen des Belcanto geltenden Verdi-Heroinen Luisa Miller, Amalia, Violetta sowie selbst Puccinis Mimì und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Gerhard Persché
Als Pionier des musikalischen Exotismus war Félicien-César David (1810-1876) bis vor Kurzem nicht mehr als eine Fußnote der Musikgeschichte. Das ändert sich langsam, denn durch die Initiative des Palazzetto Bru Zane werden seine Werke jetzt erneut zur Diskussion gestellt. Nach «Herculanum» und «Lalla Roukh» (siehe OW 2/2015) ist jetzt die sinfonische Ode «Le...
Nichts gegen Kontinuität! Als Cathérine Miville vor 13 Jahren von dem nach Erfurt wechselnden Guy Montavon die Gießener Intendantenstaffel übernahm, wurde das kleine Haus in Mittelhessen kaum einmal überregional wahrgenommen. Das hat sich allmählich, aber auffällig und in der Summe heftig geändert. Nun gibt es, vor allem in der Oper, eine Fülle von Produktionen,...
Ja, so kann es wohl klingen, das «Unbehagen über den Zustand unserer Welt». Pascal Dusapin spricht davon im Zusammenhang mit seiner neuen Oper «Penthesilea», in der er quasi zu sich selbst gekommen sei, wie er der Journalistenrunde mit leisem Lachen sagt: Auch die früheren Opern seien Versuche gewesen, eine «Penthesilea» zu schreiben, aber erst jetzt sei...
