(Bari)Tenore assoluto
Es ereignete sich im Frühjahr 2024 auf der Strasbourger Opernbühne. Richard Wagners romantisches Wunder brach ein in die historisch-nationalistische Kulisse, die sich der Bühenbildner Romain Fabre ausgedacht hatte – in klarstem A-Dur, vor allem aber mit einer stimmlichen Verve, wie man sie an dieser Stelle nur selten vernehmen darf. Schon das «Nun sei bedankt, mein lieber Schwan» geriet Michael Spyres zu einer Demonstration gefühlt außerirdischer stimmlicher Schönheit. Ein Lohengrin, wie man ihn sich wünscht und leider viel zu selten zu hören bekommt.
Das galt umso mehr für die Gralserzählung im dritten Aufzug, die Spyres mustergültig aufblätterte: mit enormer Spannung bei der lyrisch-dramatischen Gestaltung. Und mit einer schier unendlich sich ausbreitenden Tessitura. Das von vielen Fachkollegen gefürchtete «alljährlich naht vom Himmel eine Taube» geriet ihm geradezu spielerisch – ohne Engpässe, ohne Ausweichen in die Kopfstimme oder gar in eine Art Sprechgesang. Nachzuhören ist solche Qualität auf Spyres aktuellem Album «In the Shadows» – ein Tenor, wie man ihn sich als Lohengrin nur wünschen kann.
Tenor? Hier beginnt es schwierig zu werden mit der Begrifflichkeit. Der Mann aus ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 80
von Alexander Dick
Die Erinnerung ist ein seltsames Tier. Manchmal, meist in der Nacht, steht sie fauchend und zähnefletschend vor mir, so als wolle sie mich gleich zerreißen; das sind die Augenblicke, in denen ich mich, in Schweiß badend, vor ihr fürchte. Manchmal ist sie hingegen wie eine sprießende Blume, und plötzlich sieht die Welt um mich herum so unfassbar schön aus; das sind...
Ihre Biographie muss erst noch geschrieben werden. Was wir über die französische Komponistin Louise Bertin wissen, beschränkt sich auf ein paar spärliche Angaben, die aus Mangel an weiteren gern wiederholt werden (auch hier), aber nicht einmal alle gesichert sind. Wie diese wohl auch malerisch und schriftstellerisch hochbegabte Künstlerin wirklich gelebt hat,...
Was Musik ist? Gute Frage. Nicht wenige Philosophen und Komponisten haben sie sich gestellt. Gabriel Fauré etwa tat dies, während er am zweiten Satz seines Quintetts feilte und nach jenem «unersetzbaren Punkt», nach der höchst unwirklichen Schimäre, suchte, die uns «über das, was ist» erhebt. Vladimir Jankélévitch nahm Faurés Introspektion zum Anlass, sich einmal...
