Ausgegrenzt
Eugen Scribes Libretto zu Jacques Fromental Halévys Erfolgsoper «La Juive» von 1835 ist eine «Nathan der Weise»-Geschichte, angereichert mit viel Menschlichkeit, aber deswegen leider auch wenig Weisheit. Die Söhne des Juden Éléazar wurden einst von Christen auf dem Scheiterhaufen getötet, er hat dafür ein Baby an sich genommen und aufgezogen, das als einziges einen Brand überlebt hat. Rachel ist für Éléazar eine geliebte Tochter, später aber auch ein Faustpfand, durch das er entsetzliche Rache am Kardinal Brogni nehmen kann.
Brogni war seinerzeit für den Tod von Éléazars Kindern verantwortlich. Rachel ist seine totgeglaubte Tochter – was Éléazar aber erst im Moment ihrer Hinrichtung preisgeben wird.
Scribe und Halévy drehen alles Eindeutige in eine schillernde Gemengelage: Éléazar bemüht sich durchaus, Rachel noch zu retten und empfiehlt ihr die Taufe als Ausweg – den sie aber als überzeugte und glückliche jüdische Tochter ausschlägt. Auch Brogni ist durch das eigene Unglück längst geläutert und würde Rachel gern retten, noch bevor er weiß, dass sie seine Tochter ist. Rachel ist ihrerseits ohne Schuld und ahnungslos in einen Mann vernarrt, der ihrer Liebe eigentlich nicht würdig ist – Léopold gibt sich als Jude Samuel aus, ist aber in Wahrheit ein verkleideter christlicher Aristokrat, außerdem der Bräutigam von Prinzessin Eudoxie, der Nichte des Kaisers. Rachel stirbt, ohne von ihrer Herkunft zu erfahren, zermahlen zwischen zwei zuneigungsvollen Vaterfiguren. Im fatalen Verlauf ist Éléazar ein kluger, stolzer, aber auch wütender, leidenschaftlicher, zu Hohn und Spott aufgelegter Mann – mit seinem Verstoß gegen christliche Feiertagsregularien setzt die Handlung ein. Er ist Goldschmied, und wenn sich sein unerlaubtes Hämmern keck-frivol in die Festtagsmusik schiebt, hört man, welche Klänge Wagner zu Hans Sachsens Störmanöver gegen Beckmessers Ständchen im zweiten «Meistersinger»-Akt inspiriert haben dürften.
Die Musik in «La Juive» bezieht ihre betörende Wirkung aus Halévys gleichermaßen kunstwie effektvollen Einfällen sowie der delikaten Umsetzung vor allem in grandiosen Ensembles und Chören, aber auch in rasanten Arien. Vor allem den vier Hauptpartien (Vater, Tochter, unehrlicher Geliebter, zornige Ehefrau) wird in Sachen Kondition bei stets geforderter Leichtigkeit alles abverlangt. Neben der Ausgrenzung, der auch der französische Jude Fromental Halévy im 20. Jahrhundert rigoros und langfristig ausgesetzt war, dürften diese hohen Anforderungen ein Grund für die in den 1980er-Jahren zwar begonnene, angesichts der immensen Qualität aber nach wie vor eher spärlich betriebene Wiederentdeckung des fulminanten Werkes sein.
Zwei Tenöre und zwei Soprane im zentralen Quartett, auch das ist zumindest ungewöhnlich. Es passt zu der, den finsteren Ereignissen trotzenden lichten musikalischen Stimmung. Zum Auftakt des Konzils von Konstanz 1414 herrschen zwar Judenhass und Hussitenverfolgung (Léopolds Tätigkeitsfeld). Aber die Atmosphäre in Halévys Opern-Konstanz ist nicht finster verkrustet wie in Verdis nicht minder katholischem «Don Carlos», sondern quirlig, babelhaft und erwartungsvoll. Fromme Chöre stoßen auf Geplapper, Gejammer, Liebesgesäusel und Wutausbrüche.
An der Oper Frankfurt nehmen Regisseurin Tatjana Gürbaca, ihre Ausstatter Klaus Grünberg (Bühne) und Silke Willrett (Kostüme) dies zum Anlass, eine äußerst lebhafte Geschichte in einem etwas engmaschigen, kirchturmartigen Gerüst zu erzählen – es bleibt offen, ob es noch nicht fertiggestellt ist oder baufällig. Éléazar und Rachel sind hier zunächst die einzigen normal wirkenden Menschen zwischen Spießern mit Putzfimmel. Umso widersinniger ist es, dass sie dem Juden vorwerfen, am Feiertag zu arbeiten.
Vater und Tochter bilden ein gutes Team, vergnügt, zivil und glänzend besetzt: Ambur Braid ist eine der ausdrucksvollsten Sängerdarstellerinnen weit und breit: hochexpressiv ihr Sopran, dem bei aller Wucht die Finesse nie abhandenkommt. John Osborn – als Einziger im Solistenensemble kein Rollendebütant – steht ihr an natürlicher Lebhaftigkeit nicht nach. Als Tenor hat er unerschöpfliche Kraftreserven und ein fein abgedunkeltes Timbre bei mühelosen Höhen. Es ist gespenstisch, wie in sein Leid hinein der Jubel des Publikums dröhnt, als er später so richtig aufdreht. Aber man kann es auch verstehen: Die Wirkung ist so groß, es geht einfach nicht anders.
Die Stimmlage macht den Vater jung – und unaufdringlich zu einem Konkurrenten des Liebhabers: Léopold, dessen noch höher liegender, brachialer Partie sich Gerard Schneider in Schönheit stellt. Makellos silbrig singt sich Monika Bucz -kowska als Eudoxie in höchste Höhen, eine von Halévy – eine Spur kühler gestaltete Figur, während die Rachel von Ambur Braid die pure, lebendige Gegenwart ist. Warm und milde, also ganz im Gegensatz zu seiner gewaltttätigen Vergangenheit, klingt der Bass von Simon Lim; seinem reuevollen Brogni steht das Schrecklichste noch bevor.
Während sich von Akt zu Akt die hassvollen Verwicklungen steigern, bewegen sich die Kostüme bunter und bizarrer, gruseliger und – in Anspielung auf eine nahende Seuche – auch im medizinischen Umfeld. Allein Éléazar und Rachel bewahren in diesem Umfeld der Ausgrenzung ihre Würde und bleiben sie selbst, obwohl sie – verhaftet, freigelassen, erneut verhaftet – durch lächerliche Kleidung gedemütigt werden sollen: Éléazar als Hampelmann, Rachel als Hure. Ersteres ist Ausdruck für die übliche Fantasielosigkeit des Mobs, dem anders als dem Publikum gar nicht auffällt, dass es ihm selbst längst an den Kragen geht (vokal fantastisch: der von Tilman Michael einstudierte Chor des Hauses). Zweiteres, das Leichte-Mädchen-Kostümchen für Rachel, ist die Idee von Eudoxie, bei der sich Rachel (auch eine der etwas schrägen Handlungsvolten) als Dienerin verdingt.
Während sich die Menschenmenge also allmählich in eine Schar Dada-Zombies transformiert und nichts davon mitbekommt, wird anstelle des großangelegten Balletts ein doller PR-Film des in den Schoß der Familie heimgekehrten Léopold präsentiert. Das die Gewalt fidel verniedlichende Video zeigt ihn auf der Leinwand als potenten Krieger und Scherenschnittfeinde-Abmurkser. Schaurig danach der Applaus auf der Bühne wie ebenfalls im Saal, aber auch hier gilt: Das ist Oper, und immer wieder gibt es Gründe, das perfekte Handwerk und den Einfallsreichtum zu preisen, während zugleich die übelsten Dinge erzählt werden.
Auch wer keine zusätzlichen Kinder-Komparsen mehr auf der Bühne sehen mag, wird sich der trefflich gestalteten Szene schwer entziehen können, wenn Léopold Sohn und Tochter wiederbegegnet, beide entfremdet und doch ihrer Vater Kind. Gürbacas glänzende Personenführung lässt die Gesellschaft zwar totentanzartig dem Ende entgegentaumeln und Rachel (genauer: ihr Double) in der Sekunde ihres Todes wie einen Erzengel auf die Menge herniederfahren. Aber Gürbaca versäumt nie, auch die Gegenwärtigkeit der psychologischen Details aufzuzeigen.
Alles sitzt, aber nichts wird in ein Raster gezwungen. Dass es (auch) ein Abend für Stimmen ist, lässt trotzdem Platz für Farbenreichtum aus dem Graben: Henrik Nánási leitet das Opernund Museumsorchester stilbewusst, geschmeidig und feinsinnig.
Halévy: La Juive
FRANKFURT | OPER
Premiere: 16. Juni 2024
Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne und Licht: Klaus Grünberg
Kostüme: Silke Willrett
Video: Nadja Krüger
Chor: Tilman Michael
Dramaturgie: Maximilian Enderle
Solisten: Ambur Braid (Rachel), John Osborn (Éléazar), Gerard Schneider (Léopold), Monika Buczkowska (Eudoxie), Simon Lim (Kardinal Brogni), Sebastian Geyer (Ruggiero), Danylo Matviienko (Albert)
www.oper-frankfurt.de
Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Judith von Sternburg
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