Aus Dantes Hölle
Mit der vorliegenden CD kommt ein beachtliches Projekt des Labels Opera Rara zum Abschluss: die Gesamtaufnahme aller Klavierlieder Donizettis. Als Kirsche auf der Torte liegt nun auch die längste Komposition aus dessen Liedschaffen vor: die von Dante in Verse gefasste Geschichte vom Grafen Ugolino, der 1289 in Pisa mit Söhnen und Enkeln in einem Turm eingeschlossen wurde, bis alle fünf verhungerten.
In der Einspielung mit dem Bass-Bariton Nicola Alaimo dauert das Stück über 18 Minuten – länger als jede Opernarie, länger sogar als Tatjanas Briefszene in Tschaikowskys «Evgenij Onegin». Wie ein Monolith steht diese Dante-Vertonung im Werk des Opernkomponisten. Eine Strophenfolge aus der «Göttlichen Komödie» bedeutete 1826 eine erhebliche Herausforderung. Wie die insgesamt 84, mit jeweils elf Silben sehr langen Verse so disponieren, dass alle Kontraste der herzzerreißenden Erzählung zum Tragen kommen und gleichzeitig eine musikalische Einheit gewahrt bleibt? Donizetti löst das Problem mit einer eigenwilligen Mischung aus rezitativischer Deklamation und anrührenden Arioso-Abschnitten, die um die düstere Grundtonart d-Moll kreisen. Konsequent meidet er die in der damaligen Oper ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Medien, Seite 45
von Anselm Gerhard
ANNA, ESTER, RUUT, JOONATAN, NAOMI. In roten Lettern schreibt ein Mädchen Namen auf eine transparente Plane. Sie selbst ist nur schemenhaft zu erkennen, die durchsichtige Wand umgibt sie von allen Seiten, wie eine eckige Schneekugel. Hindurch schimmern Formen einer Waldlichtung: Moos, Gräser, Geäst. Vielleicht ein Stück konservierte Kindheit? Und die rote Farbe –...
Ein kompakter Quader mit großen gläsernen Fensterfronten, daneben ein gedrungener Ziegelbau, an dem sich eine wacklig wirkende Feuertreppe herabschlängelt – so könnten auch ein in die Jahre gekommenes Schwimmbad oder ein Einwohnermeldeamt aussehen. Höchstens das rot getünchte Stück Weg, das über den zementierten Vorplatz zum Haupteingang führt und mit ausreichend...
Nicht nur die Tonart, in der Wagners «Ring des Nibelungen» anhebt, ist numinosen, mithin göttlichen Ursprungs. Dieses «Wiegenlied der Welt», wie es ihr Schöpfer nannte, darf als einer der kühnsten Opern-Anfänge gelten, davon war auch Peter Gülke überzeugt. In seinem letzten Buch, wenige Wochen vor seinem Tod erschienen («Menschen. Zeiten. Musik»), widmete sich der...
